Auf eine Zigarette mit Alfred Kessler (Ⅲ)
Man muss nicht Bundeskanzler gewesen sein, um kluge Lebensweisheiten an junge Menschen von heute weitergeben zu können. Dr. Alfred Kessler ist seit 1985 Professor für Philosophie und Kulturgeschichte an der Hochschule Darmstadt. Mit Susi Wegner philosophiert er zu aktuellen oder längst überfälligen Themen – auf eine Zigarette genau. Thema dieser Ausgabe: Warum der Prüfungsalb (k)ein Albtraum ist.

Susi Wegner für den darmspiegel
Lieber Professor Kessler, es ist gemeinhin bekannt, dass Studenten Prüfungen fürchten. Können Sie uns einen Tipp geben: Was tun wir gegen Prüfungsangst?
Liebe Susi Wegner, ich glaube nicht, dass es eine eigenständige Prüfungsangst gibt. Ich glaube eher, dass sich andere Ängste dahinter verstecken. Zum Beispiel, dass man Angst hat, weil man an sich selbst einen so hohen Anspruch stellt: man muss unbedingt die Schönste und der Beste sein. Wenn jemand schlecht vorbereitet ist, hat er ja allen Grund Angst zu haben. Die Leute, die die angebliche klassische Prüfungsangst haben, können im Normalfall aber alles, was sie können sollen. Nur klappt es nicht mehr.
Woran könnte das liegen?
Ich glaube, dass die Prüfungsangst in Wahrheit ein Schamgefühl ist. Der Prüfer packt einen mitten in die Scham. In der Psychoanalyse würde man sagen, das ist eine echte Kastrationsangst. Diese Herren, die es schon so weit gebracht haben, sitzen da mit ihrer akademischen Potenz und sehen mich an, ob ich es bringe.
Es gibt das Phänomen, dass Leute von Prüfungen träumen, die sie lange schon erfolgreich hinter sich gebracht haben. Passiert Ihnen das heute noch?
Wenn ich vom Abitur geträumt habe, dann träumte ich es genauso wie es war. Stellen Sie sich vor, was das für eine Situation war – vollkommen künstlich und widermenschlich! Bei uns war das im Tursaal, wo lauter Einzeltische standen, und man saß da zu 120, jeder an einem Tisch, ganz allein, wann kommt das im Leben vor? Ein künstlich erzeugter Albtraum. Meine Träume sind immer so ausgegangen, dass ich aufgewacht bin und sowas von glücklich war, dass es nur ein Traum war, dass ich längst groß und erwachsen bin und das alles hinter mir habe! Und wenn ich mich frage, warum träume ich das? Dann ja nur, weil ich Angst habe, ich könnte doch noch nicht erwachsen sein.
Was können wir bei der tatsächlichen Prüfungsangst tun? Am helllichten Tage?
Die Wahrnehmung wird gestört durch die Angst. Man muss sich dann zurücklehnen und versuchen zu entspannen, damit man die Klausur wieder richtig sieht. Zurücklehnen, ordentlich atmen und an was Schönes denken. Mein entscheidender Tipp stammt aber aus dem Theater.
Ein Glas Sekt vor der Aufführung?
Nein, bloß keinen Alkohol! Manche Schauspieler lassen im Laufe der Proben bei sich zu Hause Chaos entstehen, damit sie vor der Premiere ordentlich aufzuräumen haben. Die gehen dann ganz entspannt auf die Bühne.
Auf die Studenten bezogen: Wir sollten uns langfristig auf die Klausur vorbereiten?
Ja, man muss rechtzeitig vorher, mindestens zwei Tage, mit dem Lernen aufhören und nur noch einmal drüber lesen.
Es gibt aber Studenten, die fangen erst 24 Stunden vor der Klausur an zu lernen.
Ja, die gibt es. Die haben das Gelernte dann im so genannten Kurzzeitgedächtnis und schaffen es auch. Das kann sinnvoll sein, wenn man weiß, dass der Stoff das Langzeitgedächtnis nicht wert ist.
Und was können wir am Tag der Klausur machen, wenn es ernst wird?
Ein guter Weg, die Klausur zu meistern, ist, wenn man weniger eingebildet als vielmehr stolz ist. Um dem Schamgefühl eins auszuwischen. Die meisten denken ja in der Klausur, alle Dozenten sehen mich an. Aber wenn Sie gerne zeigen, was Sie können, dann kriegen Sie keine Prüfungsangst. Anspannung gehört dazu, da muss man eben unterscheiden. Zwischen Angst und Spannung. Man ist oft aufgeregt, wenn man etwas gerne macht. Und ich finde es schön, dass man zeigt, was man kann. Wenn man es aber zu gerne macht, wird es kompliziert.
Kann man davon auch Albträume bekommen?
Das wäre ein Thema für die nächste Zigarette.
— Susi Wegner
