Der Advocatus Prokrastinati
»Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin« Das wollen wir auch, dachten wir uns und trafen Autor Sascha Lobo auf der Frankfurter Buchmesse. Zusammen mit Kathrin Passig präsentierte er dort ein Buch über Prokrastination. Eine »Kunst«, die Lobo perfekt beherrscht: Nach 22 Semestern ist noch kein Wort seiner Diplomarbeit geschrieben
Die Hausarbeit ist fast angefangen, der Abgabetermin rückt immer näher – jetzt erstmal Kaffee trinken und Nachrichten an die Freunde im StudiVZ verschicken – was soll an Aufschieben positiv sein?
Du fühlst dich damit besser als mit dem krampfhaften Versuch, eine Hausarbeit zu schreiben, um nach zwei Tagen Quälerei zu merken, dass du nichts Sinnvolles hinbekommen hast. Die Erfahrung zeigt, dass Hausarbeiten genau dann angefangen werden, wenn es überhaupt nicht mehr anders geht. Der Druck, eine Deadline zu erfüllen, ist psychologisch kaum zu beeinflussen. Will sagen: Wenn eine Deadline in zwei Jahren ist, fängst du nicht jetzt an, sondern machst erstmal ein Jahr und elf Monate gar nichts. Vier Wochen später denkst du dann kurz daran und fängst fünf Tage vorher an zu knüppeln wie ein Vollidiot. Das ist eine total normale Angelegenheit, für die du dich nicht schämen solltest, sondern die genau in dieser Form eingeplant werden kann. Wichtig ist nur zu wissen: Wie lange brauche ich denn tatsächlich für die Arbeit? Man muss sich in seinem Arbeitsverhalten kennen.
Ist Prokrastination, das Aufschieben von Dingen, also eine planvolle Tätigkeit?
Das Gefährliche an Plänen ist, dass sie einen starren Weg vorgeben und nicht auf die Situation reagieren. Wenn du in einer Situation gefühlsorientiert handelst, ist das viel besser als ein Plan.
Und wie erinnerst du dich daran, was du alles aufgeschoben hast? Sind To-Do-Listen Teufelswerkzeuge der Selbstdisziplin?
Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass To-Do-Listen nur bei ganz speziellen Leuten unter ganz speziellen Voraussetzungen funktionieren. Ich habe neulich alte To-Do-Listen auf meinem Computer gesucht und 25.819 Dokumente gefunden. 80 Prozent von dem, was auf der Liste stand, habe ich nie gemacht. Manches davon wäre damals auch Unsinn gewesen. Die 20 Prozent, die ich gemacht habe, haben sich irgendwie von allein in den Vordergrund gespielt. Im Buch nennen wir das »Projektdarwinismus«: Die Sachen, die wirklich dringend sind, poppen von ganz alleine auf. Musst du in der nächsten Woche deine Diplomarbeit abgeben, ist die Chance, dass du sie diese Woche vergisst, extrem klein. Relevantes hast du im Gespür. Und dieses Gespür kannst du auch mal belasten.
Deshalb verteufeln wir die Selbstdisziplin, denn sie kann dafür genutzt werden, total bescheuerte Sachen durchzuhalten. Wenn du Selbstdisziplin brauchst, um etwas zu tun, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass du etwas Falsches tust.
Man muss sich also komplett von der Selbstdisziplin befreien?
Wir wollen die Selbstdisziplin nicht komplett abschaffen. Wir wollen sie bloß nicht alternativlos im Raum stehen lassen. Das Gefühl, du müsstest alle Bereiche des Lebens in den Griff kriegen – und wenn nicht, dann kommen grüne, gelbe rote und orangene Briefe und die Polizei bricht deine Wohnung auf – entspricht nicht der Realität.
Als wir einem von Grund auf verpeilten Typen aus eurem Buch vorgelesen haben, schrie die Freundin aus dem Hintergrund: »Hör sofort auf, das
ist echt gefährlich!« Besteht die Gefahr, dass Prokrastination zur Universalausrede wird?
Unser Buch ist keine Ausrede dafür, Scheiße zu bauen. Es erklärt den Menschen, dass sie nicht alleine sind mit ihrem »Defekt«. Hören sie dann auf, sich schlecht damit zu fühlen, werden sie angenehmere Menschen für ihre Mitgenossen. Wenn dieser Typ immer zu spät kommt, dann musst du die Umstände eben so ändern, dass sein Zuspätkommen kein Problem mehr darstellt und seine Schwäche nicht zum Tragen kommt. Du musst das Leben so organisieren, dass du es nicht mehr organisieren musst.
Alles, was man über Zeitmanagement wissen muss, findet man auf Seite 248. Diese Seite ist leer. Das Buch versteht sich weder als Ratgeber, noch als Anti-Ratgeber. Es sagt, wie es ist: Fast alle Menschen schieben Dinge vor sich her. Das hat sich zwar jeder schon gedacht – aber Kathrin Passig und Sascha Lobo haben es endlich zu Papier gebracht. Warum sich das Lesen trotzdem lohnt, steht bereits im Vorwort: »Das realistische Minimalziel ist, dass Sie dieses Buch lesen, in Ihrem Leben nichts ändern, sich damit aber besser fühlen als vorher.« Und das stimmt.
Blog zum Buch: prokrastination.com
Was wäre eigentlich, wenn du dein eigenes Buch als Student gelesen hättest. Du hast ja stu…
…ich studiere immer noch.
Wie bitte?
Universität der Künste. Mein Studiengang heißt »Gesellschafts‑ und Wirtschaftskunde«. Ich bin jetzt im 22. Fachsemester und theoretisch im 28. Studiensemester. Ich muss aber noch meine Diplomarbeit schreiben. Das schiebe ich nur gerade auf.
Hört sich an wie eine Passivmitgliedschaft im Sportverein.
Irgendwie nur studieren ist ja kacke. Im Jahr 2000 habe ich mit 25 Jahren eine Agentur gegründet und davor auch schon immer irgendwelchen Quatsch gemacht. Aber ich finde Studieren an sich interessant und der Abschluss ist wichtig. Ich will auch noch eine Dissertation schreiben – aus dem einfachen Grund, weil man das so super aufschieben kann.
Wikipedia, Blogs, Twitter – ist das Internet eine besondere Gefahr, Dinge nicht geregelt zu kriegen?
Serendipity ist eine Prokrastinationsform deluxe. Serendipity bedeutet, Dinge zu finden, ohne sie zu suchen; sich treiben zu lassen. Das ist Prokrastination in Reinform – und die ist mit dem Internet exponenziell gewachsen. Das Internet saugt viel Zeit, gleichzeitig zeigt es aber als Kulturtechnik, wie wahnsinnig wertvoll es ist. Ich habe Kathrin Passig in einem Forum kennen gelernt, in das ich durch Zufall geraten bin. Ich habe unfassbar viel Zeit damit verbracht, da irgendwelchen Quatsch reinzuschreiben. Und jetzt sagt mir mal, dass diese Stunden, Tage und Wochen sinnlos waren.
Sascha Lobo: »Wenn man den Geist des Buches illustrieren möchte, darf die Aufgabe nicht lauten: ›Meine schönsten Prokrastinations-Erlebnisse‹. Besser wäre es, aufzuschreiben, was man geschafft hat, obwohl man eigentlich etwas ganz anderes tun wollte. Im Buch heißt das »produktive Prokrastination«. Das ist eine sehr intelligente Mechanik. Die Kraft des Nichttuns umgewandelt in hohe Produktivkraft. Wenn du das steuern kannst, sind deine Fenster für immer geputzt. Denn eigentlich musst du ja noch ganz dringend diese Hausarbeit in diesem Nebenseminarkurs schreiben…«
Schreibt uns eure Geschichte auf mein.darmspiegel.de und gewinnt unser Rezensionsexemplar! Einsendeschluss ist der 10. November. (Wer vor dem 9. schreibt, hat schon verloren.)
Waren sie nicht?
Überhaupt nicht, und deshalb stellen wir in dem Buch die Frage: Was ist Zeitverschwendung? Man muss sich echt Mühe geben, um Zeitverschwendung überhaupt hinzubekommen. Um Zeit zu verschwenden, darf man per Definition keinen materiellen, psychologischen, emotionalen oder psychischen Nutzen davon tragen. Sogar Rumliegen kann einen fantastischen Nutzen haben. Wenn du ausgeruht bist, kannst du Sachen viel besser erledigen.
Wir haben eine Straßenumfrage gemacht. Die meisten Leute haben da behauptet, sie würden nie Dinge aufschieben. Lügen die?
Probleme, irgendwas nicht hinzubekommen, haben meiner Auffassung nach mehr als 90 Prozent der Bevölkerung. Will sagen: Die Darmstädter sind verdammte Lügner.
Das Blog zum Buch: prokrastination.com
— Kersten A. Riechers und Tobias Reitz
