h_da, ein Königreich?
Maria Overbeck-Larisch, die Präsidentin der Hochschule Darmstadt, ist gelinde gesagt umstritten. Die Vorwürfe: mangelnde Kommunikation und ein Führungsstil von oben herab. Ihre autoritäre Art zerstöre das Klima innerhalb der Hochschule. Im Juni dieses Jahres eskalierte die Situation. Die Rufe wurden lauter: Overbeck-Larisch solle weg.

Max Holicki für den darmspiegel
Doch eine Präsidentin abzuwählen, ist gar nicht so einfach. Obwohl die Mehrheit des Senats – Professoren, Studenten und Mitarbeiter der Hochschule – für eine Abwahl ist, bringt ihm seine demokratische Mehrheit nichts. Das letzte Wort hat der Hochschulrat.
Dieses Gremium hat eigentlich eine rein beratende Funktion. Einflussreiche Personen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kunst sitzen darin und äußern zu allem ihre Meinung. Entscheidungen treffen dürfen sie nicht – außer im Fall der geforderten Absetzung der Präsidentin. Und dann gleich mit Vetorecht.
Ein Professor des Senats beantragte dennoch die »Einleitung eines Abwahlverfahrens« gegen die Präsidentin – ohne sich Rückendeckung vom vetomächtigen Hochschulrat zu holen. Die schriftliche Begründung bezeichnen Insider als »argumentationsfrei« und »chaotisch«. Der Hochschulrat sagte nein. Und dabei blieb es.
Schon so gut wie erledigt?
Damit ist die Sache vorerst vom Tisch, nicht aber aus den Köpfen. Rechtlich betrachtet hat Overbeck-Larisch ihren Posten sicher – politisch hingegen gilt sie vielen schon als so gut wie erledigt. Als sie dann noch wegen der Debatte um ihr Amt einen internen Maulkorb verhängte, hatte sie sich jeglichen Spielraum verbaut.
Der Vizepräsident Bernhard May ist schon im August 2007 zurückgetreten. Als Grund nannte er »wachsende unüberbrückbare Differenzen bezüglich der Art und Weise der Leitung der Hochschule«. Einen Nachfolger gibt es nicht. Overbeck-Larischs Vorschläge für einen neuen Vizepräsidenten werden allesamt vom Senat abgelehnt. Eine Schmach. Der Senat akzeptiert ihre Führung nicht mehr.
Das wirft die Frage auf, ob eine Hochschule überhaupt hierarchisch geführt werden sollte. Das Problem ist kein Darmstädter Problem. Auch in den Fachhochschulen Frankfurt und Fulda kriselt es. Die Amtszeit von Roland Schopf, Präsident der Fachhochschule Fulda, sollte eigentlich schon am 31. Juli regulär enden. Selbst nach mehreren Wahlen konnte man sich nicht zwischen zwei Bewerbern entscheiden – das hessische Wissenschaftsministerium beauftragte Schopf daraufhin, die Amtsgeschäfte bis Ende Oktober kommissarisch fortzuführen. Ein Nachfolger steht auch hier noch nicht fest.
Anders die FH Frankfurt: Sie hat es geschafft. Detlev Buchholz wurde zum neuen Präsidenten gewählt. Doch die Wahl soll alles andere als glatt gelaufen sein. Der ehemalige Präsident Wolf Rieck habe sich rechtswidrig in die Wahl des Nachfolgers eingemischt, war zu hören. Die oppositionellen Gruppen schauten bloß zu.
Studenten haben keine Ahnung von Hochschulpolitik
»Für mich ist das keine Krise der Präsidenten, sondern eine Krise der Hochschulpolitik insgesamt«, sagt Rolf Kessler. Er weiß, wovon er redet. Der Jurist war 33 Jahre an der FH Frankfurt tätig, zwölf davon als Präsident. »Abwahlanträge helfen da auch nicht. Sie verdecken nur die eigene Hilflosigkeit der Hochschulgremien«, meint Kessler. Seit den Änderungen im hessischen Hochschulgesetz unter Roland Koch können Studenten, Mitarbeiter und Professoren immer weniger mitbestimmen. »Sie reiben sich in individuellen Aktionen und Streit untereinander auf, weil sie es versäumt haben die verbliebenen Spielräume auszunutzen, um eigene Gegenstrategien zu entwickeln«, sagt Kessler.
Auch der Hochschulsenat kommt mittlerweile nicht mehr gegen die übermächtige Stellung des Präsidiums an. Die Demokratie in den Hochschulen wurde mit jeder Änderung weiter beschnitten. Aus diesem Grund versuchen viele Studenten erst gar nicht, sich in die Hochschulpolitik einzubringen. »Wieso soll man noch mitarbeiten, wenn man sowieso nichts mehr zu sagen hat?«, fragen sich viele. Eine weitere Hürde: Die Studenten verstehen Hochschulpolitik schlichtweg nicht. Und wenn man nicht kapiert, worum es geht, hat man auch keine Lust, sich zu beteiligen. Welcher Student hat schon Zeit und Muße, sich mit dem hessischen Hochschulgesetz auseinander zu setzen?
Dabei könnte es so einfach sein. An der Hochschule Darmstadt gab es bis vor wenigen Jahren noch Seminare zur »Einführung in die Hochschulpolitik«. Heute erfahren die Studenten meist nicht, welche Entscheidungen das Präsidium für sie trifft. Anders als in Frankfurt, werden in Darmstadt alle Senatsprotokolle direkt ins Intranet gestellt. Dies zeugt zwar von einer gewissen Transparenz – aber viele Studenten wissen überhaupt nicht, dass man diese Protokolle für sie bereitstellt.
Alle kommen als Laminat auf die Welt
Die Hochschule habe die Bringschuld, den Studenten interne Politik näher zu bringen, findet Kessler. Die Senatssitzungen werden vor allem von Studenten schlecht besucht. Vor 40 Jahren war das noch undenkbar: Die Jugend war politisch höchst engagiert, es wurde diskutiert und debattiert. Das ist die Generation von Rolf Kessler, der in den Blütejahren der Studentenbewegungen studierte. Doch die 68er-Generation geht langsam in den Ruhestand. Was danach kommt, ist für Kessler klar: »Kein gewachsenes Holz mehr, alle kommen sie schon als Laminat auf die Welt«. Laminat, das sind für Kessler lineare Lebensläufe. Abitur, Auslandsaufenthalt, Studium, Arbeitsstelle. Kein Schritt außerhalb des vorgeschriebenen Weges, immer schön geradeaus. Wer es sich dann im weichen Chefsessel bequem gemacht hat, pflegt meist keinen offenen Führungsstil mehr.
Wer mit der Präsidentin der Hochschule Darmstadt in Kontakt treten will, bleibt schnell an deren Sekretärin hängen. Sie empfängt alle E-Mails, die direkt an die Präsidentin gerichtet sind, druckt sie aus und reicht sie weiter. Über mangelnde Information kann man indes nicht sprechen: Alle Beschlüsse, Bestimmungen und Neuigkeiten werden brav weitergeleitet. Aber Informieren heißt noch lange nicht Kommunizieren. Zu selten finden Gespräche statt, zu oft läuft die Kommunikation von oben nach unten. Auch das ist kein Darmstädter Problem. Fast alle Hochschulen kommunizieren nach einem hierarchischen Prinzip.
Manager sind fehl am Platz
»Man kann eine Hochschule nicht so führen, wie skandalöserweise manche Unternehmen immer noch geführt werden«, sagt Kessler.
Die Hochschule sei eine akademische Veranstaltung. Dort sind Menschen, die lernen und nicht verwaltet werden wollen. »Wer verwalten will, muss in ein IT-Unternehmen gehen«, sagt er. Zwar benötige man innerhalb der Hochschulverwaltung auch Management-Kenntnisse, aber wer nichts anderes kann, habe schon verloren. »Eine Hochschule ist eine Denkfabrik, die noch nicht produziert. Sie befindet sich noch in der Vorstufe.«
Wie die verfahrene Situation an der Hochschule Darmstadt weitergeht, kann niemand genau sagen. Die Präsidentin hat sich vorerst über die Sommerpause gerettet. Im Oktober muss der Senat wieder zusammentreten. Man darf also weiterhin gespannt sein – und sich vielleicht auch ein bisschen mehr für die Hochschulpolitik interessieren. Denn die ist lange nicht so dröge, wie sie manchmal scheint. Gerade in diesen Tagen nicht.
— Kersten A. Riechers und Michael Caspar
