Kiffst du noch oder kokst du schon?

Koksen ist höchstens was für ausgemergelte Supermodels und zwielichtige Politiker, die sich mit Edelnutten vergnügen. Aber Studenten? Viel zu teuer, viel zu abgehoben – denkt man. Dabei hat die einstige Luxusdroge längst den Weg von den großen Toiletten dieser Welt in die Wohnheimzimmer deutscher Studenten geschafft.

Diana Köhne für den darmspiegel / dianakoehne.de

Diana Köhne für den darmspiegel / dianakoehne.de

Der enge Wohnungsflur ist voller Menschen. Sie trinken, sie lachen und tanzen.

Auf dem Balkon werden Steaks und Würstchen gegrillt, ein Joint macht die Runde. Sebastian steht in der Ecke und schaut ungeduldig auf sein Handy. Ein Freund bietet ihm ein Bier an, Sebastian trinkt einen Schluck und sagt: »Wenn jetzt nichts mehr geht, dann geh ich nach Hause.« Er wartet auf einen Anruf von seinem Dealer. Nach der Party wolle er noch mal richtig was losmachen, da brauche er das.

Früher hat Sebastian gekifft. Das reicht ihm mittlerweile nicht mehr aus: »Ich gehe jetzt länger weg – da brauche ich etwas Aufputschendes«, sagt er, als das Handy in der Jeanstasche vibriert und sein Dealer sich endlich meldet.

Mit dieser Situation ist Sebastian nicht der Einzige. Während die Zahl von Cannabiskonsumenten in Deutschland zurückgeht, steigt die der Kokainkonsumenten laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung weiter an. Für die Experten steht die Entwicklung in Zusammenhang mit der Erhöhung der Tabaksteuer und gezielten Kampagnen gegen den Missbrauch von Cannabis. Kiffen ist heute genauso von gestern wie Alkopops und Schlaghosen. Drogenkonsum und Zeitgeist fliegen eng beieinander. Das Image von Koks, jahrelang als Schickeria-Droge verschrien, hat sich längst gewandelt. Mehr Leistung, mehr Dynamik – hört sich vielversprechend an.

Druff, Druff, Druff

»Auf geht’s, ab geht’s, Drei Tage wach« – die Debütsingle von DJ und Produzent Tobias Lützenkirchen war die Clubhymne dieses Sommers. »Drei Tage wach.« Wie soll das gehen? Lützenkirchen gibt die Antwort: »Druff, druff, druff.« Die Deutschen koksen nicht nur viel, sie koksen enorm viel.

Für eine Flusswasser-Studie des Nürnberger Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung wurde das Wasser deutscher Flüsse auf Kokainspuren untersucht. Anhand der Konzentration des Kokain-Abbauproduktes Benzoylecgonin konnte ein aufschlussreiches Ergebnis erzielt werden: Allein am Rhein schneit es Kokain für 1,6 Milliarden Euro im Jahr.

Die Zeiten, in denen die Droge als »Privileg« der High Society galt, sie sind passé. Kokain ist salonfähig geworden, in die Mittelschicht eingezogen. Die Kokser von heute sind Busfahrer, Ingenieure, Professoren, Studenten.

Rote Augen gibt’s nach dem Koksen nicht

Sebastian studiert BWL, zum Koksen kam er genauso wie zum Kiffen: über Bekannte. »Koksen hat mich fasziniert, das wollte ich auch mal erleben.« Besonders die Art, das weiße Pulver zu konsumieren, beeindruckte ihn. Das Koks, der Spiegel, der eingerollte Geldschein – wie im Film. Nach dem Kiffen habe er sich oft unwohl gefühlt, sagt Sebastian. Er befürchtete, jeder würde es ihm ansehen. Rote Augen gebe es nach dem Koksen nicht mehr. Ebensowenig wie den verdächtigen Cannabis-Duft, der einem nach dem Joint an den Fingern haftet. Koksen, das ist für Sebastian rein und natürlich. Nach einem Näschen fühle er sich frisch wie nach einer kalten Dusche am Morgen.

Das Frische-Gefühl ist die pharmakologische Wirkung des Kokains: Sie stimuliert die Psyche, hat einen wirksamen, lokal betäubenden Effekt und verengt die Blutgefäße. Am Anfang befindet sich der Konsument in einem euphorischen Stadium. Ein erhöhtes Selbstwertgefühl und stärkere Sinneswahrnehmung treiben ihn zu Höchstleistungen an. Doch im Rauschstadium können die positiven Gefühle schnell ins Negative umschlagen, paranoide Stimmungen mit akustischen und optischen Halluzinationen sind häufig auftretende Nebenwirkungen.

Mama, der Mann mit dem Koks ist da

Inzwischen hat praktisch jeder Zugang zu frischem Kokain. In der Jahresstatistik des deutschen Zolls wurde bereits 2006 die Einfuhr von 1500 Kilogramm Kokain protokolliert – Tendenz steigend. Insbesondere über die großen deutschen Flughäfen und den Hamburger Hafen wird das Kokain von Drogenkurieren aus Kolumbien nach Deutschland geschmuggelt. Durch die größeren Mengen sinkt der Straßenpreis, macht das Kokain für die breite Masse zugänglich. Der einfache Haschdealer wird zum Koksdealer, der Haschischkonsument zum Kokser. So wie Sebastian.

»Irgendwann hab ich bei meinem Dealer das Koks liegen sehen«, sagt er. »Aber nach dem ersten Mal hatte ich eigentlich nicht das Verlangen, es wieder zu tun.« Gekauft hat er das Koks trotzdem, für 50 Euro pro Gramm.

Der zweite Rausch gab ihm das Gefühl, das er brauchte. Und seinem Dealer die Gewissheit auf einen neuen Stammkunden. An diesem Abend fühlte sich Sebastian unwiderstehlich. Tanzte durch bis zum nächsten Tag. Und am nächsten Tag nochmal. Dann musste er wieder in die Uni.

Um die Grenze zwischen dem Genuss von Cannabis und Kokain zu überschreiten, brauche es nicht viel, sagt die Psychologin Irmgard Vogt. »Der Cannabiskonsum allein gehört zu den Jugendritualen, da gibt es nahezu keine Hemmschwelle mehr. Der große Unterschied besteht darin, die Grenze zu Drogen zu überschreiten, die intravenös eingenommen werden.«

Koks und Klausuren

Laut einer Studie von Theo Baumgärtner, die 1998 im Buch »Kiffen, Koksen und Klausuren« veröffentlicht wurde, sind Alkohol und Cannabis schon lange auf dem Campus vertreten. Steigender Leistungsdruck und Klausurenmarathons überforderten die Studenten, die so immer häufiger Drogen als Ventil benutzten. Dabei seien Koffeintabletten häufig der Einstieg für härtere Mittel.

»Der Schritt zwischen dem Kiffen und dem Koksen darf hier nicht vergessen werden«, sagt Vogt. »Dazwischen liegen die Amphetamine, die eine immer größere Rolle für Studenten spielen, um bessere Ergebnisse zu erzielen.« Das weiß auch Dagmar Zerbe von der Psychosozialen Beratungsstelle für Suchtprobleme in Aschaffenburg: »Seit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor stehen die Studenten unter noch größerem Druck.«

Sebastian versucht, das Koksen in der Uni zu lassen; ein Kommilitone hat ihm für den Campus Ephedrin empfohlen. Damit sei er in der Lage, trotz Übermüdung hohe geistige und körperliche Leistungen zu erbringen.

Härtere Drogen wird er aber sicher nie nehmen, sagt Sebastian. »Dazu bräuchte es schon einen starken seelischen Zusammenbruch, sonst stürzt man ja nicht so ab.« Wie Sebastian verharmlosen auch viele andere Abhängige den Konsum von so genannten weichen Drogen und vergessen dabei die Langzeitwirkungen. »Richtige Hardcore-Kiffer, die jeden Tag konsumieren, schaffen es in der Regel nicht, etwas aus ihrem Leben zu machen«, sagt Dagmar Zerbe. Um sich beruflich zu etablieren, fehle ihnen der Antrieb.

Das liege vor allem daran, dass viele Konsumenten aufgrund persönlicher Problemen zur Droge greifen. Der Rausch verstärkt grundsätzlich die bereits vorhandenen Gefühle und Stimmungen – positiv oder negativ.

Irmgard Vogt warnt auch davor, den einmaligen Konsum zu unterschätzen: »Wenn jemand empfindlich auf die Effekte von Cannabis reagiert, kann ein einziges Mal schon schwerwiegende Folgen für die Psyche haben und bleibende Störungen wie Schizophrenie auslösen«. Beim Kokain sei es vor allem die schnelle körperliche Abhängigkeit, die eine große Gefahr für den Konsumenten darstelle.

Sebastian hat keine Lust mehr auf Party. Heute schafft es sein Dealer nicht, vorbeizukommen. Er nimmt noch einen Schluck vom Bier und verabschiedet sich. Heimgehen und schlafen. Morgen ist schließlich ein neuer Tag.

— Johanna Emge


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