Pimp My Mumu

Am besten sollte sie zwischen zehn und zwölf Zentimeter lang sein. Straffe Haut ohne Falten. Rosige Farbe. Soweit die Idealvorstellung der Vagina von heute. Oben hui, unten pfui – das war mal. Denn beim neuesten Trend aus den Vereinigten Staaten geht es nicht um Silikonbrüste oder Schlauchbootlippen, sondern um den perfekten Intimbereich. Langsam schwappt die Vaginalwelle auch nach Deutschland über. Das letzte Tabu ist gebrochen – Hosen runter

Diana Köhne für den darmspiegel / dianakoehne.de

Diana Köhne für den darmspiegel / dianakoehne.de

Die Nase ist zu groß, der Bauch ist zu dick und vor lauter Cellulite sieht man die Beine kaum mehr. Kein Grund, Trübsal zu blasen – der Onkel Doktor kann’s ja richten. Zack, unters Messer, schon sind die kleinen Mängelchen behoben. 450 000 Deutsche gaben sich im vergangenen Jahr in die Obhut von Schönheitschirurgen. Doch wenn der zahlungswilligen Kundschaft alle Brüste vollgepumpt und Lippen aufgespritzt sind, müssen innovativere Ideen her. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat eine neue Tür geöffnet: Schönheitsoperationen im Intimbereich. In den USA und Großbritannien sind sie längst kein Tabuthema mehr – jetzt schwappt die Vaginawelle auch nach Deutschland über. Wo vor zwei Jahren laut der »Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen« noch Brustoperationen die Ranglisten mit 22 Prozent angeführt haben, gefolgt von Fettabsaugung und Ohrenkorrekturen (beide zehn Prozent), könnte in diesem Jahr schon der Newcomer im Intimbereich das Siegertreppchen stürmen.

Denn Vagina ist nicht gleich Vagina: In ihrem Idealzustand ähnelt sie einer Muschel, erinnert den Betrachter an die Venus von Sandro Botticelli – ein Meisterwerk der Renaissance. In der Realität sieht das manchmal ganz anders aus. Schlaffe, lange Lappen, die wie vertrocknetes Gemüse vor sich hindörren. Keine Meisterwerke der Schöpfung. Der Künstler von heute ist der Schönheitschirurg, sein Pinsel das Skalpell. Die Muse ist eine bodenständige Bürokauffrau, die sich gerne wieder im Spiegel ansehenn würde. Nackt, wie Gott sie schuf. Aber ohne diese hässliche Muschi.

Spieglein, Spieglein in der Hand

Ihren entblößten Intimbereich betrachten – für Lisa undenkbar. Seit ihr Freund ihr gesagt habe, ihre Vagina sehe »ganz schön …« aus, sei ihr die Lust am Ausziehen vergangen. Tatsache ist, dass ihre inneren Schamlippen größer sind als die äußeren. Laut eigener Beschreibung sogar etwas schrumpelig und nicht besonders straff. Was vorher für Lisa völlig normal war, ist über Nacht zur Problemzone geworden. Dass sie mit diesem Problem nicht alleine ist, zeigt sich in zahlreichen Internet-Foren, in denen auch Lisa ihr Leid schildert.

Bis dato gibt es keine repräsentativen Zahlen, die den Schönheitskult fassen. Eine Umfrage auf der Website des britischen Privatsenders Channel 4, der im vergangenen August eine Reportage mit dem Namen »The Perfect Vagina« ausgestrahlt hat, ergab allerdings, dass sich von mehr als 10 000 Teilnehmern fast die Hälfte Gedanken über eine durchdesignte Vagina macht. Und in Deutschland? Inzwischen gibt die Google-Suchanfrage im deutschsprachigen Bereich zumindest einen Hinweis auf die steigende Wichtigkeit des Themas. 2760 Treffer beim Suchbegriff »Schönheitsoperation Vagina« verraten eine erste Tendenz, vor allem, wenn man bedenkt, dass nahezu die Hälfte der Seiten aus dem vergangenem Jahr stammt.

Auch der Chefarzt der Darmstädter »Rosenpark Klinik«, Dr. Gerhard Sattler, kann ein steigendes Interesse an Intim-Operationen verzeichnen: »Wohl noch in beschränktem Maße, aber zunehmend.« In seiner Klinik hatte sich im vergangenen Jahr auch die Schauspielerin Brigitte Nielsen im Rahmen einer RTL-Dokusoap zahlreichen Schönheits-Operationen unterzogen. Dr. Sattler kennt die Beweggründe für Eingriffe im Intim-Bereich: »Die Unzufriedenheit mit dem Körper hat erhebliche Konsequenzen für Mann und Frau, in den allermeisten Fällen ist ein gestörtes Sexualverhalten die Folge.«

Dr. Ralph Paul Kuner ist Leiter des Instituts für Ästhetische Chirurgie Wiesbaden und zusändig für »Ästhetische Brustchirurgie« in der Rosenpark Klinik. Er weiß, dass übermäßige Fetteinlagerung im Schamhügel oder zu lange Schamlippen, die das Gesamtbild der äußeren Geschlechtsteile der Frau beeinträchtigen, überwiegend zu den Beweggründen der Patientinnen zählen. »Oft kommen aber auch Patientinnen, weil sie eine Behinderung bei sportlichen oder sexuellen Aktivitäten haben.«

So wie Steffi, die sich vor wenigen Wochen für 600 Euro bei einer Frauenärztin unters Messer gelegt hat; das war günstiger als in einer Schönheitsklinik. Nach jahrelangen Überlegungen, in denen sie sich immer wieder einzureden versuchte, ihre Vagina sehe völlig »normal« aus, fasste sie endlich den Entschluss. »Nichts ist normal, wenn man in die Sauna geht und da zwei Fleischlappen unten rausgucken.« Die Operation sei unproblematisch verlaufen, sagt sie, das Ziehen der Fäden am schmerzhaftesten. Jetzt sehe sie endlich aus, wie es die Natur vorgesehen habe und müsse beim Sex »nicht erstmal die Schamlippen zur Seite schieben«.

Viva la Rejuvenation

Eine »Normalität«, die nicht ganz billig ist. Die Verkleinerung der Schamlippen kostet bis zu 2500 Euro, eine »Vaginalverjüngung«, also das Verengen der Vagina, um die 3800 Euro. Eine Wiederherstellung des Jungfernhäutchens gibt es für 2200 Euro, zum gleichen Preis wie die »Intensivierung des G-Punkts«. Auch der Venushügel kommt nicht zu kurz, den kann man für etwa 2000 Euro absaugen und modellieren lassen. Ganz Unzufriedene können in einigen Kliniken gleich ein Package buchen; Unterbauchstraffung, Fettabsaugung am Venushügel und Scheidenverengung durch Gewebestraffung komplett ab 8400 Euro. »Viele dieser Operationen sind in den allermeisten Fällen kleine Eingriffe mit einem sehr geringen Risiko«, so Dr. Sattler. Außerdem bestehe bei den meisten Patienten der schambehaftete Wunsch nach Normalität und nicht nach »aufgedunsenen, abnormal großen Schamlippen«.

Dr. Kuner sieht solche Eingriffe und entsprechende straffende Korrekturoperationen, die aufgrund von Bindegewebsschwächen im Beckenbodenbereich vorgenommen werden, aber eher in der Hand operativ tätiger Frauenärzte: »Schönheitschirurgen und plastische Chirurgen sollten die Finger davon lassen und solche Operationen nicht unter dem Deckmäntelchen ›Intim‑Ästhetik‹ durchführen.«

Gesetzliche Krankenkassen lehnen eine Kostenübernahme von Operationen im Intimbereich meist ab, da es sich oft um ausschließlich ästhetische Aspekte handle. Die Barmer Ersatzkasse sagt beispielsweise, Kosten könnten nur dann getragen werden, wenn es sich um einen Eingriff handle, der medizinisch erforderliche sei. Auch psychische Beschwerden, wie sie Lisa mit den verschrumpelten Schamlippen plagen, sollten eher von einem Psychologen behandelt werden, statt sie durch einen kosmetischen Eingriff zu beseitigen. Dr. Sattler sagt, er operiere nur, »wenn ein Befund existiert, und auch der entsprechende Leidensdruck vorhanden ist.« Eine ähnliche Meinung vertritt auch Dr. Kuner: »Verengungen der Scheide zur Luststeigerung der Frau sind künstlich generierte Indikationen und unterliegen Trends, die ich ablehne und sehr kritisch beurteile.« Fettabsaugungen am Schamhügel und Formgebung der äußeren und inneren Schamlippen würden oftmals unter medizinischen und ästhetischen Aspekten vorgenommen.

Und der Schönheitswahn geht weiter. Vor keiner Körperstelle macht er halt, auch vor denen nicht, die man eigentlich nie sieht. Anal-Bleaching ist eine neue Behandlungsmethode, auch aus den USA. Dabei wird die Haut mit einer Bleichcreme aufgehellt – dort, wo normalerweise ewiges Dunkel herrscht. Damit auch die Rosette hübsch rosig aussieht.

— Johanna Emge und Désirée Grobecker


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