»Russland wird untergehen«
»Das Gefühl der Bedrohung bleibt immer«, sagt Maynat Kurbanova. Die 34-Jährige arbeitete während des zweiten Tschetschenienkrieges für die »Freien Medien« ihrer Heimat. Den Versuch, die Welt auf Kriegsverbrechen aufmerksam zu machen, bezahlte sie mit Gefangenschaft und Morddrohungen. Der Weg ins Exil war unausweichlich. Seit einem Jahr lebt sie in Darmstadt, die Rückkehr in ihre Heimat bleibt ungewiss. Im Gespräch mit dem darmspiegel erzählt Maynat Kurbanova, warum sie die europäische Politik für »feige« hält, Gerhard Schröder ein »Lügner« ist und sie trotz aller Einschnitte ihrer Heimat noch immer verbunden ist

Tim Hoffmann für den darmspiegel
Frau Kurbanova, wie schwierig ist es, in Russland Oppositioneller zu sein?
Es ist ein lebensgefährlicher Job. Menschen, die sich dem Regime gegenüber kritisch äußern, sitzen im Gefängnis, müssen das Land verlassen oder werden ermordet.
Sie selbst leben jetzt schon seit vier Jahren in Deutschland im Exil. Mit welchen Erwartungen haben sie Tschetschenien 2004 verlassen?
Ich dachte, das sei eine provisorische Lösung für zwei, drei Monate und habe gehofft, dass man mich in Russland vergisst. Die Lage in Tschetschenien hat sich leider nicht verbessert. Solange die jetzigen Regierenden an der Macht bleiben, gibt es keinen Rückweg. Ich muss abwarten.
Ihre Flucht nach Deutschland hat Ihnen das PEN-Zentrum* ermöglicht. Wie ist der Kontakt entstanden?
Meine Wohnung in Grosny war ein alternatives Hotel für Journalisten, die keine offizielle Akkreditierung zur Einreise bekommen hatten und heimlich nach Tschetschenien gefahren sind. Als klar wurde, dass ich meine Heimat dringend verlassen musste, habe ich über deutsche Journalisten dort das Angebot bekommen.
Seit 2007 wohnen Sie in Darmstadt mit einem Stipendium der Stadt, das auf zwei Jahre begrenzt ist. Haben Sie schon eine Idee, wie es danach weitergeht?
Seit dem ersten Tschetschenienkrieg von 1994 habe ich gelernt, nicht so weit nach vorne zu schauen. Vielleicht mache ich mich selbstständig oder gehe in ein anderes Land. Es hängt von der Entwicklung in Tschetschenien ab.
Warum beantragen Sie kein Asyl?
Ich will es nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich damit die Brücke hinter mir einreißen würde. Es gäbe keinen Rückweg mehr. Tief in mir drin hoffe ich, dass sich die Situation in Tschetschenien verändern wird und ich zurückkehren kann.
Ist Darmstadt für Sie nur der Ort, in dem Sie für den Moment leben?
Meinem Kind und mir geht es gut hier. Das hat nichts mit Darmstadt direkt zu tun. Ich konnte in diesen vier Jahren nie sagen: »Ich lebe in Deutschland.«
Ich wohne nur hier. Ich habe in Grosny gelebt und ich will dort leben.
Fühlen Sie sich noch bedroht?
Das Gefühl bleibt immer, vor allem wegen meiner Tochter. Ich muss sie immer im Auge behalten. Es ist ein stetiges Gefühl der Unsicherheit. Als Frau allein denkt man schon, dass auch hier etwas passieren könnte. Aber ich versuche, so wenig wie möglich daran zu denken.
In Tschetschenien haben Sie ausschließlich für die »Freien Medien« geschrieben, unter anderem die »Novaja Gazeta«. Was für eine Bedeutung hat die Zeitung in der Bevölkerung – bei einer Auflage von 600 000 Exemplaren?
In Tschetschenien ist sie eine der beliebtesten Zeitungen. Die Kioske haben sie immer; notfalls auch heimlich, wenn es offiziell nicht erlaubt ist. Es war die einzige Zeitung, die objektiv über den Krieg berichtet hat. Bei frei denkenden Menschen, die nicht alles auffressen, was die offizielle Propagandamaschine ihnen anbietet, hat sie noch immer einen hohen Stellenwert.
Warum verbietet der Kreml sie nicht einfach?
Das ist eine schwierige Frage. Aleksej Wenediktov, der Chefredakteur des unabhängigen Radiosenders »Echo Moskvy«, wurde von der FAZ das gleiche gefragt. Er antwortete in etwa: »Vielleicht brauchen sie mich, damit der Westen sagen kann: ‚Ha, es gibt doch freie Presse.‘ Aber denken Sie nicht, dass ich deshalb mein Radio aufgebe. Ist mir doch egal, ob der Kreml mich benutzt.«

Tim Hoffmann für den darmspiegel
Ist es nicht auch so, dass ein Großteil der russischen Bevölkerung seine Informationen nur aus dem Fernsehen bekommt?
Ja, natürlich. Das ist das Problem. Elektronische Medien gehören dem Kreml oder Freunden des Kremls wie Gazprom. Russland ist so groß. Viele Menschen außerhalb der Metropolen haben außer dem Fernsehen keine Informationsquelle. Wird der zweite Tschetschenienkrieg in Russland überhaupt noch thematisiert?
Die offizielle Propaganda sagt, der Krieg sei schon längst beendet. Dabei gibt es jeden Tag Auseinandersetzungen zwischen der Armeeund den Widerstandskämpfern. Es ist ein Teufelskreis: Je stärker der Druck der diktatorischen Regierung Tschetscheniens auf die Bevölkerung ist, desto mehr junge Menschen wollen sich wehren, sich rächen.
Wird der Konflikt wieder eskalieren?
Wenn sich die Menschen weiterhin nicht frei äußern und das Haus ohne Gefahr verlassen dürfen, wird die Situation explodieren. Und was macht der Kreml? Er erhöht den Druck weiter, erniedrigt die Bevölkerung. In Russland scheint das niemanden zu interessieren.
Haben sie noch den Traum von freien Wahlen in Tschetschenien?
Unbedingt. Ich zweifle keinen Tag daran, dass sich Tschetschenien von Russland trennen wird und diese grausame Geschichte für immer vorbei sein wird. Russland wird viele Republiken verlieren – es ist das letzte Imperium in Europa. Und es wird untergehen wie alle Imperien vor ihm. Daran hege ich keine Zweifel.
Russland versucht gerade, sein Staatsgebiet auszubauen. Georgiens Staatschef Saakaschwilli fürchtet nicht ohne Grund um die abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien.
Es wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Russland schreit, die Georgier hätten dort Genozid betrieben. Die Russen, die in Tschetschenien ein Viertel der Bevölkerung – mehr als 250 000 Menschen! – ermordet haben, erzählen dieser Welt irgendetwas über Genozid. Das ist eine Unverschämtheit. Die BBC hat von Kriegsverbrechen von der georgischen Seite aus gesprochen. Ich bin weit davon entfernt, eine Seite zu verteidigen und der anderen die Schuld zuzuschieben. Aber wenn ich das Wort Genozid vom Kreml höre, reagiere ich allergisch.

Andreas Strack für den darmspiegel
Was für ein Interesse verfolgt der Kreml, wenn er die beiden Republiken zu annektieren versucht?
Nichts als Chauvinismus. Das ist pervers interpretierter Stolz.
Der Weg zurück zu einer Großmacht.
Sie interpretieren die früheren sowjetischen Länder als ihr Eigentum und können nicht damit umgehen, dass diese Länder ihren eigenen Weg gehen wollen. Das Motto lautet: Kreml oder Westen. Was soll das?
Der Westen reagierte »empört« auf das russische Verhalten. Von Sanktionen ist aber keine Rede mehr.
Das ist Realpolitik. Europa hat schon Tschetschenien für Öl und Gas verraten. Je billiger sie das Gas bekommen, umso mehr Blut wird in Tschetschenien vergossen. Sie wissen es alle – von Schröder über Merkel bis Sarkozy. Europa hat sich schon immer feige benommen.
Ist das die Abhängigkeit von Russland?
Das ist die freiwillige Abhängigkeit von Russland! Der Kreml wird den Gashahn nicht zudrehen. Russland braucht das europäische Geld nicht weniger als Europa russisches Gas.
Gerade in Zeiten der Finanzkrise…
Russland spielt mit kleinen Ländern. Aber nicht mit Deutschland, nicht mit Frankreich und nicht mit Amerika. Russland braucht das Geld.
Seit Anfang des Jahres hat das Land einen neuen Präsidenten – Dmitri Medwedew. Ein Politiker mit eigenständigem Profil?
Nein, er ist eine Marionette von Wladimir Putin, sonst wäre er nicht Präsident geworden. Der Westen hat jahrelang darüber diskutiert: »Who is Mister Putin?« Es vergingen viele Jahre, bis sie endlich verstanden hatten, wer er ist. Bei Medwedew ist es dasselbe: Die Politiker sehen ihn gern als liberalen, zum Westen orientierten Menschen – das ist er aber nicht.
Wollte Medwedew den Krieg im Kaukasus?
Natürlich. Ich glaube, das ist eine gut überlegte und vorbereitete Provokation gewesen, auf die Georgien dummerweise reingefallen ist.
Boris Reitschuster arbeitet für das Magazin Focus als Außenkorrespondent in Moskau. Sein neustes Buch über die russische Politik heißt »Wladimir Putin
– Der neue Herr im Kreml?« Im darmspiegel erklärt er, welche politische Bedeutung der Kaukasus-Konflikt hat.
Was bezweckt Russland mit diesem Krieg?
Putin führt damit Medwedew vor, denn der Krieg in Georgien ist eine ziemliche Niederlage für ihn. Er wollte diesen Krieg nicht. Alle Versuche Medwedews, sich von Putin zu emanzipieren, sind damit gescheitert. Putin entscheidet weiterhin alles.
Was bedeutet der Krieg für die russische Außenpolitik?
Putin braucht immer einen Feind, eine äußere Bedrohung, um von Problemen im Land abzulenken. Außerdem werden dadurch NATO und USA ferngehalten. Ein weiterer Grund ist, dass der Kreml verhindern will, dass ein postsowjetischer Staat demokratisch wird. Die Botschaft ist klar: Russland nimmt solche Versuche nicht hin.
Bringt der Krieg Russland noch weitere Vorteile?
Georgien ist ein Transitland. Wenn die Russen Georgien kontrollieren, haben sie im Jahr 2013 Schätzungen zu Folge etwa 60 Prozent mehr Energieströme in ihrer Hand. Damit hätten sie de facto ein Energiemonopol in Europa. Es gibt viele Gründe für Russland, diesen Krieg zu führen.
Wie werten Sie die Reaktion der EU auf den Kaukasuskonflikt?
Bei dem Hass, der im Kaukasus herrscht, waren Kriegsverbrechen von russischer und georgischer Seite möglich. Und die EU hat außer verbalen Protesten wenig unternommen. Die Russen lernen daraus, dass sie Nachbarländer angreifen und annektieren können – die EU hindert sie nicht daran.
Der Autor und Journalist Boris Reitschuster vergleicht in seinem Buch »Wladimir Putin – Der neue Herr im Kreml?« Medwedew und Putin mit einem Fahrschüler und seinem Lehrer. Das impliziert auch, dass Medwedew sich irgendwann von Putin lösen könnte.
Mein Gott: Er kopiert Putins Stil, sich zu kleiden, zu sprechen, selbst die Betonungen. Er wird völlig kontrolliert – die Macht haben nach wie vor Putin und seine Freunde. Daran wird sich nichts ändern.
Ist Medwedew also nur ein Platzhalter?
Die Äußerung über die Verlängerung der Amtszeit des Präsidenten hat mich zu einhundert Prozent, ja zu zweihundert Prozent davon überzeugt. Diese Änderung ist eine Vorbereitung für Putin.
Er wird in der nächsten Legislaturperiode also wieder kandidieren?
Ich bin keine Politologin. Aber als Mensch, der diese Situation verfolgt und beobachtet, glaube ich, dass Putin nicht warten wird, bis die Wahlen kommen.
Aber davon muss Medwedew doch ausgehen. Warum hat er sich dann darauf eingelassen, überhaupt Präsident zu werden?
Das Gefühl, einen Tag lang Präsident zu sein, muss verlockend sein. Im Ernst: weil sie Freunde sind. Er ist nicht zufällig Putins Nachfolger geworden.
Putin genießt in Russland unter der Bevölkerung hohes Ansehen. Wie kommt das?
Öl und Gas haben die wirtschaftliche Situation rasant verbessert. Aber was kann Putin dafür? Ich sage Ihnen: Lasst die Leute nur eine Woche die Wahrheit erfahren, nur eine Woche ohne Propaganda. Danach kann man beurteilen, wieviele Menschen von Putins Arbeit begeistert sind.
Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder ist Aufsichtsratvorsitzender der Gazprom-Tochter Nord Stream AG, die dem Kreml nahe steht. Halten Sie auch ihn für einen Teil des Propaganda-Apparates?
Sie brauchen ihn, um im Westen eine Lobby aufzubauen. Beide Seiten machen ihr Geschäft: Schröder verdient sein Geld und der Kreml benutzt ihn als Fürsprecher im Westen.
Glauben Sie, dass es für Russland eine Chance gibt, diesem Weg der Diktatur und Korruption zu entkommen?
Ja, aber nur mit Unterstützung des Westens. Leider gibt es aber auch dort Kräfte, für die es besser ist, wenn Russland den Weg weitergeht, den das Land jetzt geht. Dann können sie diese Kuh melken. Und wenn Menschen wie Schröder sagen, dass sie Russland lieben, dann lügen sie. Dann lügen sie ganz offen und unverschämt. Jemand, der Russland liebt, würde Russland auch Gutes wünschen. Er würde sich wünschen, dass Russland sich endlich öffnet und demokratisch wird.
Sehen Sie es als ein Luxusproblem, dass die hessischen Studenten sich darum sorgen, dass die Studiengebühren wieder eingeführt werden könnten?
Natürlich kann man Studiengebühren nicht mit Krieg vergleichen, aber ich finde es gut, dass sie sich dagegen wehren. Wenn man nicht um solche Rechte kämpft, dann werden sie einem Schritt für Schritt weggenommen und plötzlich wacht man in einem Land wie Russland auf. Dann ist es zu spät.
Nicht gedruckte Fragen
Sie haben oft mit Anna Politkovskaja zusammengearbeitet und kannten sie sehr gut. Woran liegt es, dass zwei Jahre nach ihrer Ermordung der Fall noch immer nicht abgeschlossen ist?
Ich glaube gar nicht, dass die russische Regierung ernsthaft diesen Mörder oder seinen Auftragsgeber finden will. Ich habe schon lange keine Illusionen mehr von der russischen Justiz. Politovskaja war sehr unbeliebt im Kreml. Sie wurde in Tschetschenien gefoltert, musste drei Tage lang in einem Massengrab verbringen und wurde vergiftet.
Niemand will also diese Tat aufklären?
Ich halte das für eine Farce. Niemand weiß, wo sich der Killer aufhält. Dabei kennen alle seinen Namen! Selbst Zeitungen dürfen seinen Namen erwähnen. Wäre das in Europa denkbar?
Hatte der Kreml da seine Finger im Spiel?
Dass sie am Geburtstag von Putin ermordet wurde, finde ich zumindest seltsam. Wenn ich Putin wäre und nichts damit zu tun gehabt hätte und an meinem Geburtstag meine härteste Gegnerin ermordet würde — ich gäbe alles dafür, dass der Mörder gefunden wird. Aber was macht er? Nichts.
Putin sprach von einer „Verschwörung“ gegen den Kreml.
Er hat gesagt, Anna Politkovskaja Tod habe Russland großen Schaden zugefügt. Ich glaube einfach nicht, dass sie den Killer finden wollen, weil Putin nicht einmal Annas Namen aussprechen kann. Wenn er sie erwähnt, spricht er nur von „ihr“. Wie groß muss sein Hass sein? Sie ist doch nur eine Frau.
Die USA haben einen neuen Präsidenten. Wie wird sich die Wahl von Barack Obama auf das Verhältnis zwischen Russland und den USA auswirken?
Ich hoffe, dass das angespannte Verhältnis unter Obama vernünftiger und friedlicher wird, aber auch, dass die Dinge klar ausgesprochen werden. Viele Leute verbinden Hoffnungen mit Obama, weil er der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten ist und keinem Stereotyp entspricht.
Können Sie die Hoffnungen nachvollziehen?
Ich begrüße auf jeden Fall, dass Obama gewählt wurde. Was mir etwas missfällt, ist, dass er immer betont, kein Moslem zu sein. Vielleicht musste er befürchten, dass die Bevölkerung ihn nicht wählen würde, wenn er sich dem Islam gegenüber loyaler äußert. Der ehemalige amerikanische Außenminister Colin Powell hat sich zu dem Thema besonnener geäußert. Er hat gefragt, was falsch daran sei, ein Moslem in den USA zu sein. Seiner Meinung nach wäre es auch für Obama kein Problem gewesen, muslimisch zu sein.
Kurz nach der Wahl hat der russische Präsident Dimitrij Medwedew bekannt gegeben, dass Kurzstreckenraketen in Kaliningrad aufgestellt werden.
Das ist eine Bedrohung – und eine Botschaft zugleich. Medwedew hat die Muskeln spielen lassen. Ich bin gespannt, wie Obama darauf reagieren wird.
— Jan-Kristian Jessen und Birte Frey
