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Auf eine Zigarette mit Alfred Kessler (Ⅰ)

am Dienstag, 1. April 2008

Dr. Alfred Kessler ist seit 1985 Professor für Philosophie und Kulturgeschichte an der Hochschule Darmstadt. Mit Susi Wegner philosophiert zu aktuellen oder längst überfälligen Themen – auf eine Zigarette genau. Thema dieser Ausgabe: Nicht bei allen Studenten ist Hopfen und Malz verloren – sofern sie denn gescheit frühstücken

Susi Wegner für den darmspiegel

Susi Wegner für den darmspiegel

Lieber Herr Professor Kessler, Sie lehren seit über 23 Jahren an der Hochschule Darmstadt. Können Sie uns Studenten einen Tipp geben: Wie studieren wir richtig? Besonders in der Zeit der Frühjahrsmüdigkeit Mitte März bis Mitte April?

Liebe Susi Wegner, man muss ja überhaupt erst einmal wissen, dass der Mensch als Warmblüter im Schnitt 28 Mal schläft am Tag. Und er merkt es nicht. Weil er zu diesen Lebewesen gehörte wie die Hunde und andere, die den Tag über schlafen. Und nachts nicht unbedingt jagen gehen. Er ist ein Vielschläfer, der Mensch. Physiologisch gesehen.

Haben Sie einen Vorschlag, wie man damit umgehen könnte?

Wenn man ein wenig auf sich achtet und sich richtig ernährt, dann spürt man bis vier Mal am Tag solche absoluten Abfälle, in denen man müde wird. Aber die Studenten erleben ja viel Schlimmeres, weil der Zuckerspiegel so furchtbar sinkt. Und sie merken es nicht. Es gibt einige elementare Fehler, die Studenten machen. Die man selber auch macht. Das Seminar mit leerem Magen zu besuchen ist der häufigste Fehler. Dem kann man ja leicht abhelfen. Andere Fehler sind schwerwiegender.

Welche wären das zum Beispiel?

Wir in Deutschland, insbesondere an den Fachhochschulen, haben zum Teil elementare Fehler bei der Umsetzung des so genannten Bologna-Prozesses gemacht – die Hochschulforschung hat uns das leider schon bescheinigen müssen! Wir haben die Studiengänge verschult und damit den Sinn des Prozesses gründlich in den Sand gesetzt. Das, was wir machen, ist gar nicht gemeint: nämlich Unterricht ähnlich wie in der Schule. Das war nicht klug von uns! Was vorher acht Semester gedauert hat, dauert jetzt sechs. Alles wird abgeprüft, ohne Ende Klausuren, bis die Ohren wackeln und die Schreibkrämpfe einsetzen.

Bei Bologna ist aber gemeint, dass der Unterricht zurückgefahren wird und die Leute selber arbeiten. Ich glaube – auch im Umgang mit der Müdigkeit – wäre am Besten, man hätte höchstens vier Stunden Unterricht am Tag, und den Rest würde man gemeinsamen in Gruppen oder sonst wie arbeiten.

Kennen Sie Länder, in denen der Bologna-Prozess funktioniert?

In England und Holland, denke ich. Wenn die Gruppen zusammen arbeiten, dann beurteilen die sich übrigens immer zuerst selbst, inhaltlich und dem sozialen Verhalten nach. Da kommt am Ende jedenfalls nicht primär die Klausur. Das motiviert ungemein. Freilich gibt es immer Licht und Schatten. Im Musterland Finnland gibt es eine auffällige Vereinsamung der Studierenden. Da das Land das ganze Studium bezahlt und man nur bei Misserfolg selbst zahlen muss, ist der Druck beinahe unerträglich. Man getraut sich kaum noch zu – leben. Während es bei uns oftmals einen auffälligen Hang zu dem gibt, was Ihre Kommilitonen ‚abhängen‘ nennen. Ein Grund, sich volllaufen zu lassen, findet sich doch immer.

Stichwort „abhängen“ – ist das heute anders als bei Ihnen damals, als Sie Student waren?

Wir haben auch abgehangen! Aber wir sind um 6 Uhr aufgestanden, haben uns in einem Café getroffen und um 7 Uhr unser erstes auffrischendes Weißbier getrunken mit Weißwürsten und Brezeln, und dann sind wir studieren gegangen. Ich habe Philosophie studiert – da gibt es zwei Extreme: einige Professoren beginnen um 8 Uhr oder noch früher. Die meisten Philosophen beginnen aber erst abends Seminare zu halten. Wir haben bis in die Nacht in der Uni gesessen, weil das die Zeit ist in der man gut denken kann.

Was würden Sie den Studenten empfehlen?

Gegen die Verschulung gibt es nur ein Mittel: in die Sachen einsteigen, ernsthaft einsteigen, sich damit befassen, mit Selbstbewusstsein und Stolz. Ja, ganz altmodisch, mit Stolz. Und eine Roadmap des Studiums im Kopf haben: wissen, zu welcher Tageszeit man am besten für sich arbeiten kann und die konsequent nutzen. Gegen Müdigkeiten empfehle ich Spaziergänge, Licht, Tageslicht, um genau zu sein. Ich würde den Studenten überhaupt empfehlen, nicht bis spät in die Nacht zu saufen und dann mit einem dicken Kopf studieren zu gehen. Man sollte den Tag im jeden Fall mit einem guten Frühstück beginnen – und da gehört hin und wieder ein gutes Weizen dazu.