♥ Die Durchmacher

Darmstädter Studenten haben zusammen ein Buch über die Nacht in Darmstadt verfasst. Ein Buch, das es nach allem, was man über Büchermachen weiß, eigentlich nicht geben dürfte.

Es war eine merkwürdige Idee, gibt auch Tobias Reitz zu, ein Buch nicht nur schreiben, sondern auch drucken zu wollen. Merkwürdig deshalb, weil Reitz sich in einem Umfeld bewegt, in dem bedrucktes Papier zunehmend antiquiert wirkt – Reitz und die meisten seiner Mitstreiter studieren Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. So gesehen war es nachgerade eine Frechheit, ein gedrucktes Buch als gemeinsame Semesterarbeit vorzuschlagen. Wie ihr Professor auf den Plan reagiert hat? »Da war er zum Glück in China«, grinst Reitz.

Am Ende haben die Professoren das Projekt nach Kräften unterstützt. »Es war ein großes Glück für uns, dass wir da diese Unterstützung erhalten haben – und zwar fachlich und finanziell.« Auch mit der Hochschule im Rücken war die Aufgabe gewaltig – fünfzig Menschen haben zusammengearbeitet: Autoren, Redakteure, Faktenchecker, Grafiker, Zeichner, Dichter, Programmierer, Verkäufer. Die Studenten mussten ihr eigener Verlag werden und ihre eigene Marketing-Abteilung. Das zu organisieren und diesem Haufen von Menschen in weniger als einem Jahr ein Buch abzuringen, ist eine sportliche Herausforderung. Die Studenten haben es in vier Monaten geschafft.

Tobias Reitz sollte das erklären können. Er hatte die Funktion eines Projektleiters, und dass die Studenten diese Rolle ebenso besetzt haben wie die eines Geschäftsführers, ist ein Teil der Antwort. Ein weiterer, dass die Buch-Macher einiges an Erfahrung gesammelt haben mit ihrem vorigen privaten Projekt, dem Studentenmagazin »Darmspiegel«. Und paradoxerweise waren die angehenden Online-Journalisten erfolgreich nicht trotz, sondern wegen ihrer erlernten Affinität zum Internet – dort fanden sie die Werkzeuge, die ein solches Projekt erst möglich machten.

Reitz zählt die verschiedenen Online-Tools auf, alle aus dem Bereich der so genannten Sozialen Software: Die kostenlose Team-Textverarbeitung Google Docs. Den Terminabsprachen-Dienst Doodle. Chat-Programme. Große E-Mail-Verteiler. Und, als Rückgrat der Redaktionsorganisation, ein Wiki – dasselbe technische System, das Gemeinschaftsprodukte wie das Online-Lexikon »Wikipedia« ermöglicht. Ein Wiki erlaubt vielen Menschen, am gleichen Wissensstamm zu arbeiten. Hunderte von Wiki-Seiten über Termine und Projektpläne, Rechercheergebnisse und Arbeitsweisen, bearbeitet von jeweils zehn bis zwanzig Personen. »Man nutzt dann einfach die Schwarmintelligenz bei 20 Leuten«, erklärt Tobias Reitz. »Irgendwer wird schon mal eine Ahnung gehabt haben im Ansatz, oder zur Not gibt’s immer noch Google.«

Den größten Vorteil der »sozialen Software« Wiki gegenüber einer herkömmlichen Textverarbeitung sieht der Student im Umgang mit den verschiedenen Textversionen: »Manchmal werden Texte auch kaputtredigiert. Dann kann ich eine Stufe zurückspringen und habe meine alte Version wiederhergestellt.« Was allerdings auch zu Auseinandersetzungen führt, gerade in einer Projektgruppe, die sich als weitgehend hierarchiefrei versteht. Josef Mayerhofer, einer der beiden Geschäftsführer des Projekts, erklärt: »Es hängt natürlich davon ab, wie erzürnt der Autor jetzt ist. Die angenehmste Variante ist natürlich: Man geht ins Wiki und ändert es einfach zurück – aber: Man muss natürlich sagen, diese Online-Zusammenarbeit bringt natürlich auch Probleme mit sich, eben diese zwischenmenschlichen Sachen.« Die Lösung: »Am Ende ist ein klärendes Telefonat oder sogar ein Gespräch, wo man sich gegenseitig in die Augen sehen kann, keine schlechte Idee.« Auch deshalb hat das Redaktionsteam daran festgehalten, sich zweimal wöchentlich zu treffen – im Internet fängt Zusammenarbeit an, aber sie ist dort nicht zu Ende.

Sucht man nach einem Ausgangspunkt für das Buch über die Nacht, ist er wohl in einer Darmstädter Dönerbude zu finden. Sie lieferte die erste Idee für einen Artikel im Buch: Bebilderte Kurzporträts von allen, die der späte Hunger nachts zusammenführt. Weitere Themenideen kamen wie von selbst: Eine Reportage, in der der Autor die Nacht in der durchgehend geöffneten Absturz-Kneipe »Herkules« beschreibt. Eine Fotostrecke mit liebevoll inszenierten Blicken unter Bettdecken. Ein Nachtcomic. Nachtgedichte. Ein Essay über Weltuntergangs-Szenarien unter dem Titel: »Die letzte Nacht«. Die Macher hatten einen Heidenspaß daran, sich in möglichst vielen Formen auszuprobieren. Selbst ein Video hat das Buch hervorgebracht, über nächtliches wildes Gärtnern in der Stadt – es ist zu finden auf der eigenen Webseite. Um das Nachtbuch zu bewerben, haben sie einen »Schlafmob« organisiert, ein wohl koordiniertes Happening auf dem Darmstädter Luisenplatz.

Ein »Zwischending zwischen Journalismus und Kultur« strebten sie an, sagt Projektmanager Tobias Reitz. Und dabei halten sie es für einen Standortvorteil, in Darmstadt zu leben und nicht beispielsweise im hippen Berlin. »Darmstadt hat ein Potential, das es noch nicht richtig erkennt«, lobt Reitz, und Mayerhofer ergänzt: »Nachts in Berlin – wie soll das funktionieren?« In der Hauptstadt wäre ihr Nachtbuch eins von vielen über die Stadt; der Reiz des Besonderen wäre dahin.

Viel Herzblut haben die Macher in ihr Projekt gesteckt – und zahllose durchgemachte Nächte. »Ganz viel Motivation, ganz viel Verzicht auf Schlaf, ganz viele Nachtschichten«, so beschreibt die Germanistikstudentin Bebero Lehmann ihre Zeit mit dem Buch und scheint immer noch ein wenig zu staunen über sich selbst. Eine letzte Nachtschicht steht den Durch-Machern noch bevor: Sie haben sich in den Kopf gesetzt, die frisch gedruckten Bücher allesamt von Hand mit einer Exemplarnummer zu versehen und so zum Unikat zu machen. Alle 1.500 Exemplare.

»nachts in darmstadt«
Das Buch umfasst 224 Seiten, erscheint am 24. Juli und ist in Buchhandlungen in Darmstadt zum Preis von 11 Euro 90 erhältlich. Außerdem wird es über Amazon und über die Website zum Projekt vertrieben.

»Release-Party« zur Buchveröffentlichung am 24.7. im Schlosskeller Darmstadt, Lesung u.a. mit dem Poetry Slammer Tilman Döring und dem Krimiautor Christian Gude am 30.7. im Darmstädter Jazzinstitut.

— Jan Eggers / sofo


  • Quelle: Hessischer Rundfunk vom 23. Juli 2009
  • Diesen Artikel online nachlesen (Artikel evtl. nicht mehr verfügbar)

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