♥ Jusos, Punks und Tocotronic
In Darmstadt ist das erste Studentenmagazin erschienen. Zunächst nur im PDF-Format zum Downloaden. Doch das soll sich ändern.
Rebecca Sandbichler ist von Innsbruck nach Darmstadt gezogen – und war erstmal verwundert. »Hier gibt es zwei Journalistikstudiengänge, mehr als 30.000 Studenten und kein Studentenmagazin.« Jetzt ist Rebecca Sandbichler stellvertretende Chefredakteurin des darmspiegels. Die erste Ausgabe des derzeit einzigen Studentenmagazins in Darmstadt steht seit April als PDF-Dokument im Internet.
Für ein junges Magazin ist der darmspiegel erstaunlich politisch. Eine Autorin berichtet, dass die Jusos in Darmstadt-Dieburg damit gescheitert sind, sich von Jungsozialisten in Junge Sozialdemokraten umzubenennen.
»Wir wollten nicht wie die Neon sein, Politik geht in anderen Studentenmagazinen immer verloren«, sagt Désirée Grobecker, die wie fast alle der 15 Redaktionsmitglieder an der Hochschule Darmstadt (HDA) Onlinejournalismus studiert. »Unser Anspruch ist, kritisch über Themen zu berichten, über die in der Stadt geredet wird«, ergänzt Jan-Kristian Jessen.
Die Titelgeschichte beschäftigt sich auf sechs Seiten mit der Verordnung, mit der Darmstadt seit diesem Jahr Punks und Junkies der Fußgängerzone verweist. »Darmstadt macht sauber«, lautet die Überschrift. Zur Illustration putzen die Redakteure in Kittelschürzen den Langen Ludwig – an dem Denkmal lagern oft Punks.
Doch die Heftinhalte sind vielfältig. Eine gesellschaftskritische Betrachtung über die »Hetzjagd der Lebensläufer« nach der perfekten Vita gehört genauso dazu wie ein Artikel über die Krise des SV-Darmstadt oder – man staune – ein Interview mit der Band Tocotronic.
»Der Name ist nicht schön«
Provokant ist auch der Titel darmspiegel. »Der Name ist nicht schön, aber wenn eine Stadt Darmstadt heißen kann, kann ein Magazin in dieser Stadt auch Darmspiegel heißen«, sagt Sandbichler.
Bislang arbeiten nur Studenten der HDA am Darmspiegel mit. Das Magazin ist jedoch von ihr unabhängig und richtet sich an Studenten von allen drei Darmstädter Hochschulen, sagt Kressen 1. »Deshalb suchen wir auch noch an anderen Hochschulen Autoren, Fotografen, Layouter und Leute, die sich um die Website kümmern.«
Im Internet möchte die Redaktion eine Community aufbauen. »Aber nicht, um irgendwelche Gruppen zu gründen wie bei StudiVZ, sondern um Tipps zu liefern, wo man was in Darmstadt kriegt«, erklärt Sandbichler. »Verkaufe Kleiderschrank, Wohnung gesucht und wo gibt es das billigste Frühstücksbuffet.« Ihr monatlich erscheinendes Magazin wollen die Studenten bald auch als Heft drucken. »Das ist ganz fest geplant«, sagt Grobecker. Den Druck sollen Anzeigen finanzieren.
Die Veröffentlichung einer ersten Ausgabe sehen die Studenten als ersten Schritt zur Anzeigenakquise. »Wir wollten etwas Handfestes haben, bevor wir Werbekunden ansprechen«, sagt Sandbichler. Denn auch Kommilitonen seien der Zweitsemesterin gegenüber skeptisch gewesen. »Aber jetzt haben wir gezeigt, dass wir etwas auf die Beine stellen.«
Den »darmspiegel« kann man sich unter www.darmspiegel.de runterladen.
Anmerkung der darmspiegel-Redaktion: Damit Sie sich nichts Falsches merken, korrigieren wir Fehler in Presseberichten mit Fußnoten.- Jessen. Jan-Kristian Jessen. [↩]
— Sebastian Weissgerber
- Quelle: Frankfurter Rundschau vom 8. April 2008
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