♥ »Kein Scrollen, kein Flimmern«

Sie entlocken Fußballvereinspräsident Hans Kessler Suchtbekenntnisse, stellen Hochschulpräsidentin Maria Overbeck-Larisch als goldgerahmte Königin dar oder richten sich ein WG-Wohnzimmer auf einer Bürgerparkwiese ein. Und schon im Vorwort des Hefts mit diesen Inhalten beweisen sie die Fähigkeit zu feiner Ironie: »Es ist befriedigend, eine Baumleiche einfach so durchzublättern, stimmt’s?«, heißt es dort. »Kein Scrollen, kein Flimmern, keine schmerzenden Augen mehr.«

Mit diesen knackig und kreativ getexteten Worten leitet die Redaktion des »Darmspiegel« ein in die Oktober-Ausgabe ihres Gratis-Magazins. Das Besondere: Nachdem die ersten vier Ausgaben seit April ausschließlich online im PDF-Format erschienen sind, liegt nun die erste Printausgabe aus Papier vor. Das ist schon deshalb erstaunlich, weil die Wurzeln des Mediums im Online-Journalismus liegen, den der Großteil der Macher studiert. Und wird nicht allerorts behauptet, junge Leute hätten kein Interesse mehr an gedruckten Medien?

Der »Darmspiegel« beweist, dass dies nur bedingt zutrifft. »Die Leute haben uns immer nach einer Printversion gefragt«, erzählt der 22 Jahre alte Chef vom Dienst, Kersten Riechers. »Und das hat uns auch sehr gefreut.« Denn von Anfang an haben die Blattmacher die Vision gehabt, das Online-Magazin auch als Printheft herauszugeben.

Das hat zum einen ästhetische Gründe: Ihr hoher Anspruch an ein frisches Layout und eine bewusste Text-Bild-Inszenierung kann in diesem greifbaren Format besser wirken. Riechers drückt es so aus: »Das fühlt sich einfach total gut an.« Und außerdem bedient die Heftform nach wie vor Lesegewohnheiten vieler, wie er ergänzt: »In Sachen Medienkompetenz sind noch nicht alle auf dem neusten Stand.«

Der Zweiundzwanzigjährige selbst zeigt durchaus einen gehörigen Teil des modernen Rezeptionsverhaltens, das jungen Leuten oft nachgesagt wird: Die meisten seiner Informationen konsumiert er tagtäglich übers Internet. Statt beim Frühstück eine Tageszeitung zu lesen, wirft er schon vorm Duschen den Rechner an. Von diesem lädt er auch TV-Nachrichten als Video herunter. Einen Fernseher hat er nämlich nicht – ähnlich Rebecca Sandbichler, Chefredakteurin des »Darmspiegels«, die den jungen Medienkonsum so auf den Punkt bringt: »Die Leute sind da sehr pragmatisch geworden, die sammeln ihre Informationen auf, wo sie sich bekommen können.«

Soll heißen: Statt sich bedienen zu lassen, stellen diese Rezipienten ihren Informationsmix zusammen. Dennoch glauben die jungen Magazinmacher nicht, dass klassische Medien vom Markt verschwinden. »Ich lese Wochenzeitungen und interessante Magazine«, sagt Kersten Riechers. »Aber die müssen so gemacht sein, dass ich mir die Zeit dafür nehme.« Auch Sandbichler glaubt: »Die guten Formate und Zeitungen werden überleben.«

Wie es um die Überlebenschancen des »Darmspiegels« steht, ist derzeit noch keine dringliche Frage unter den rund fünfzig Studierenden, die an dem Magazin mitwirken. Seit Erscheinen der 8000 durch Anzeigenwerbung finanzierten Printexemplare gibt es laut Sandbichler und Riechers nahezu täglich Bewerbungen zum Mitmachen. Das Konzept, ein Medium »für die studentische Bohème in Darmstadt«, für experimentierfreudige und kritische Persönlichkeiten mit großer medialer Kompetenz zu machen, scheint zu aufzugehen. Und dies in der Printversion offenbar noch besser.

— Alexandra Welsch


  • Quelle: Darmstädter Echo vom 27. Oktober 2008
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