Nachts in Darmstadt

Es ist Nacht in Darmstadt, die meisten Menschen schlafen brav in ihren Betten, doch ein aufgeweckter Haufen namens »Rote Beete Fraktion« legt jetzt erst richtig los: Bewaffnet mit Spaten und Samenbomben streifen sie durch die Innenstadt, um diese mittels »Guerilla Gardening«, also wildem Gärtnern, ein bisschen bunter zu machen. Mit einem Bollerwagen voller Blumen ziehen sie durch die City und hinterlassen Farbtupfer zwischen Beton und Stein. »Das ganze Bild der Stadt wird dadurch aufgewertet«, wird eine junge Aktivistin zitiert, die sich wie alle hier versteckt hinter einer aufschneiderischen Sonnenbrille.

Diese Aktion ist nur ein Beispiel für die kecke und humorige Kreativität der jungen Macher vom »darmspiegel Verlag«, mit der die Studierendengruppe auf der Internetseite für ihr neues Projekt wirbt: »nachts in Darmstadt« – ein Buch, das Darmstadt in einem ungewöhnlichen Licht zeigt. Es ist ein Semesterprojekt, an dem zirka fünfzig Studierende, vorwiegend angehende Online-Journalisten, aber auch Gestalter, Fotografen, Betriebswirte oder Germanisten interdisziplinär gearbeitet haben. Ende Juli soll das besondere Darmstadt-Buch erscheinen, der ergänzende Online-Auftritt steht schon länger im Netz.

Am Anfang stand eine Idee für eine Nacht-Reportage über eine Dönerbude. »Da ging plötzlich ein Gehirnsturm von zwei Stunden los«, erinnert sich Tobias Reitz an das Treffen, in dem der Gedanke an ein monothematisches Buch geboren wurde. Dass ein Buch ein aufwendiges Unterfangen ist, schreckte nicht ab. »Wir wollen uns ja immer so’n bisschen überfordern«, stellt Anke Schuhardt schmunzelnd fest.

Dass es die pfiffigen Macher als Semesterprojekt im vierten Semester anboten, sicherte ihnen logistische, inhaltliche und auch finanzielle Unterstützung von Professoren und Hochschule zu. Doch das hieß auch: Fertigstellung innerhalb eines halben Jahres. »Eine Mammutaufgabe«, wie Tobias betont. »Es war irre wenig Zeit und sehr viel Arbeit«, ergänzt Anke. Seit März hätten sie jeden Tag daran gearbeitet. »Wenn du das nicht mit Herzblut machst, hältst du das nicht durch.«

Sie wirken zuweilen wie junge Eltern, denen selbst beim Reden über Schwierigkeiten ein freudiges Strahlen ins Gesicht steht. Ein Projektplan musste aufgestellt, Arbeitsgruppen für Marketing oder Vertrieb gebildet oder Werbeaktionen geplant werden. Passend zum Buchtitel hat die Redaktion nächtelang immer wieder Texte redigiert. Und dann gab es noch das
schwierige Kapitel Finanzierung zu bewältigen. Tobias: »Bis wir den ersten größeren Sponsor hatten, war das eine Zitterei.«

Herausgekommen ist ein 220 Seiten starker Sonderdruck mit Reportagen, Interviews, Fotos oder Illustrationen, den die Bucheltern als »Liebhaberstück in limitierter Auflage« (1.500 Stück) bezeichnen. Aber warum greifen Onliner eigentlich zum Buch? »Wir sind zwar Online-Journalisten, aber trotzdem Papiernarren«, antwortet Tobias. »Wir lieben das Gedruckte.« Der Online-Aspekt sei durch den ergänzenden Webauftritt und den cross-medialen Ansatz zum Ausdruck gekommen. Dort kann man sich etwa amüsante Videos über Aufmerksamkeitsaktionen anschauen, was in einem Printformat nicht ginge. »Aber ein Buch wird eben ganz anders wertgeschätzt«, stellt Anke klar. »Das hat bleibenden Charakter.«

Das Buch »nachts in Darmstadt« ist seit dem 24. Juli in ausgewählten Buchläden und Boutiquen erhältlich oder kann über die projektbegleitende Internet-Seite www.nachtsindarmstadt.de geordert werden.

— Alexandra Welsch


  • Quelle: Hochschulzeitung der h_da vom 5. August 2009
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