Nachts ist in Darmstadt mehr los als am Tag

Studenten der Hochschule Darmstadt können eins nicht behaupten: dass in ihrer Stadt nichts los sei. Das haben sie mit dem Buch »Nachts in Darmstadt« bewiesen.

Es gibt noch eine andere Stadt in Hessen, gar nicht weit weg von Frankfurt, in der es sich gut leben und studieren lässt: »Nun ja, Darmstadt.« So lautet der erste Satz des Druckwerks, das Ende Juli fertig wurde und einer 50-köpfigen Gruppe von Studenten fast das gesamte Semester an Zeit und Aufwand gekostet hat. Darin haben sie sich intensiv mit ihrer Studienstadt befasst. Mit deren nächtlicher Seite.

»Vier Monate und viele Nächte lang haben wir durchgearbeitet«, erzählt Birte Frey. Sie studiert Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. Die engagierten Studenten erstellen in ihrer Freizeit regelmäßig ein Magazin, haben dazu eigens den darmspiegel Verlag gegründet. »Das Thema ›Darmstadt bei Nacht‹ hat uns mehr als alle anderen Themen fasziniert. Wir hatten so viele Ideen, es musste einfach ein ganzes Buch daraus werden«, erzählt Frey.

Darmstädter Studenten müssen sich immer gegenüber Vorurteilen verwehren, die Stadt sei langweilig und habe wenig Nachtleben. Das zu widerlegen war der Grundgedanke des Buchprojekts. »Nachts in Darmstadt« handelt aber nicht nur vom Tanzen in diversen Clubs, die es durchaus in der südhessischen Stadt gibt: den Traditionsclub »Goldene Krone«, den ebenfalls über die Stadtgrenzen hinaus bekannten »Schlosskeller« und das neuere »603 qm« beispielsweise.

Die 50 Schreiber und Illustratoren, die auszogen, die Nacht kennenzulernen, befassten sich mit allem, was zwischen 21 Uhr abends und 7 Uhr morgens in der Stadt passiert. Sie schrieben Porträts von Nachtarbeitern – Bäcker, Krankenwagenfahrer und Wissenschaftler, die im European Space Operations Center (ESOC) Satelliten überwachen und Weltraumschrott beobachten.

Und sie sind selbst zu Nachtvögeln geworden. Als Garten-Guerilla mit Rechen, Schaufel, Bollerwagen und Stiefmütterchen bewaffnet, zogen sie los, um die Stadt zu begrünen: einfach ein Stück freiliegender Erde ausbuddeln, Stiefmütterchen rein, fertig.

Für manche Menschen, so stellten die Autoren fest, ist auch am Tag immer Nacht. Auf das verstörende Porträt einer Lichtallergikerin, die mit Sonnenbrille in ihrer dunklen Wohnung fernsieht, nicht mehr ausgehen kann und keine Freunde mehr hat, folgt eine Reportage aus einem Frauenhaus. Dort suchen Frauen Zuflucht vor der Gewalt ihrer Ehemänner.

Sehr finster auch Jan Schneiders Aufzählung sämtlicher Morde, die die Stadt in ihrer Geschichte gesehen hat. Im Jahr 1914 zum Beispiel zündete ein psychisch kranker Medizinstudent die Villa eines Rentners an, der im Feuer umkam.

Passend dazu das Interview von Magdalena Tischer und Pia Hannapel mit dem Darmstädter Philosophen Gernot Böhme zum Thema »Gruseln, Grauen, Gänsehaut«: Das Gruseln, sagt er, ist nicht nur ein Gefühl der Angst, sondern auch ein Lustgefühl. Wer sich bei Filmen gruselt, ist umso froher, dass es nur ein Film ist, meint Böhme. Dazu passt die Story über das Gruselschloss Frankenstein unweit Darmstadts, wo sich jedes Jahr an Halloween die gruseligsten Monster treffen.

Ein Feature über Früh‑ und Spätaufsteher und warum manche Menschen lieber nachts arbeiten und tagsüber schlafen, gibt Aufschluss über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse bezüglich der »inneren Uhr«. Was natürlich auch nicht fehlen darf: unrühmliche Orte, an denen Prostituierte – Frauen und Männer – für Geld oder anderes ihren Körper verkaufen.

Neben den spannend geschriebenen und anschaulich präsentierten Texten feilten die studentischen Buchmacher bis ins Detail an der Illustration mit Zeichnungen, Comics und Bildern. Alle Fotos sind selbst geschossen – bis auf die Luftaufnahme Darmstadts bei Nacht. Eine Fotostrecke von Menschen unter ihren Bettdecken diente als Werbeplakat, darunter eine Oma mit einem Exemplar von Charlotte Roches »Feuchtgebiete« und ein Lederjackenrocker, der mit seinen Kuscheltieren schmust.

Fürs erste haben die Online‑ und anderen Studenten ihrer Kreativität genug Freilauf gelassen – sie befinden sich jetzt im Semesterpraktikum. Projekte dieser Art werden aber folgen.

»Nachts in Darmstadt«, 224 Seiten, 11,90 Euro, im Buchhandel erhältlich. Infos: www.nachtsindarmstadt.de

— Stefanie Wehr


  • Quelle: Frankfurter Neue Presse vom 17. August 2009
  • Diesen Artikel online nachlesen (Artikel evtl. nicht mehr verfügbar)
  • Diesen Artikel als PDF-Dokument herunterladen

Tags:

Ein Kommentar zu «Nachts ist in Darmstadt mehr los als am Tag»

  1. Darmstadt - Blog - 17 Aug 2009 kommentiert am 29. Januar 2010 um 11:49 Uhr:

    […] Der darmspiegel Verlag » Archiv » Nachts ist in Darmstadt mehr los … […]

Kommentieren Sie