♥ Studentenmagazin provoziert Hochschul-Präsidentin

Die Studenten haben es geschafft. Sechs Monate, nachdem die erste Ausgabe des Magazins »Darmspiegel« als PDF im Internet erschienen ist, haben sie nun auch eine gedruckte Ausgabe auf die Beine gestellt. Seit Dienstag liegen 8000 Exemplare in Cafés, Geschäften und den Hochschulen aus. Das Magazin ist gratis, den Druck haben rund 20 Werbekunden finanziert.

Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen: Hochglanzumschlag, 52 Seiten und Themen, die sogar die Präsidentin der Hochschule Darmstadt zu einem Besuch in der Redaktion veranlassen. »Sie hat um ein Interview gebeten«, fasst Jan-Kristian Jessen, Sprecher des Studentenmagazins, die Reaktion von Maria Overbeck-Larisch auf den Artikel »h_da, ein Königreich?« zusammen. Der Text ist mit einem Ölgemälde illustriert, das Larisch mit Zepter und Hermelin-Kragen zeigt.

Die Karikatur nimmt den von Senatsmitgliedern als autoritär kritisierten Führungsstil Larischs auf die Schippe. Der Bericht beschreibt hingegen sachlich die strukturellen Hintergründe in der Hochschulpolitik, die für die aktuellen Führungskrisen an der HDA und anderen Hochschulen verantwortlich sind.

Die Präsidentin hat der Text immerhin aus der Reserve gelockt – und das kaum einen Tag nach seinem Erscheinen. »Wir sind natürlich erfreut darüber, dass wir wahrgenommen werden. Denn das ist ja unser Ziel«, sagt Jessen. »Wir wollen uns als Marke in Darmstadt etablieren und ernst genommen werden von den Studenten und Hochschulmitarbeitern.«

Im Gegenzug soll das Magazin den fast 30.000 Studenten in Darmstadt ein redaktionelles Sprachrohr bieten. Die Themen sind klar studentisch: Hotel Mama, Wohnungssuche, Sex, Drogen, Rockmusik und auch ein bisschen Politik. »Wir wollen die Studenten objektiv und unabhängig vertreten«, sagt Jessen. Die Unabhängigkeit gerade gegenüber den Hochschulen sei der Redaktion sehr wichtig. Hilfestellung nimmt sie jedoch entgegen. So nutzen die Studenten für ihre Arbeit kostenlos Räume der Hochschule und der Technischen Universität.

Gewinn geplant

Noch ist der Darmspiegel auf Unterstützung angewiesen. Die etwa 40 Mitarbeiter, die größtenteils Online-Journalismus an der HDA studieren, erhalten kein Entgelt. Einzig für Werbekunden gibt es eine Provision. Ohne ein gedrucktes Heft in der Hand sei die Anzeigenakquise besonders schwer gewesen, berichtet Jessen. Mit der ersten Ausgabe soll das nun leichter werden. Dass die Self-Made-Journalisten auch als Anzeigenvertreter agieren, gehöre eben dazu. »Wir sind ein Unternehmen.«

Langfristig soll das Magazin sogar Gewinn abwerfen, erklärt Jessen selbstbewusst. »Das ist eine Existenzgründung.« Die Darmspiegel Verlags GbR bietet neben dem Magazin auch Agenturleistungen wie Anzeigenlayout oder Webseitengestaltung. »Damit kann man langfristig ein gewisse Anzahl von Menschen beschäftigen«, meint Jessen.

Die Strukturen sind durchaus professionell. Zuständigkeiten für PR, Marketing, Geschäftsführung, Chefredaktion und Chef vom Dienst sind klar verteilt. Bei der Themenwahl angeht, sind die Hierarchien hingegen flach angelegt: »Inhaltliche Entscheidungen werden grundsätzlich in der Redaktionskonferenz gefällt, wo alle festen Mitarbeiter anwesend sind«, sagt Jessen.

— Sebastian Weissgerber


  • Quelle: Frankfurter Rundschau vom 9. Oktober 2008
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