♥ Vom Seminar in die Redaktionskonferenz

RHEIN-MAIN. Als der »Darmspiegel« im April zum letzten Mal erschien, war die Trauer unter Darmstädter Studenten groß. Ein Jahr lang hatten sie gehabt, was nicht viele Hochschüler haben: Ein witziges, schönes, von jungen Leuten gemachtes Magazin, das auch noch kostenlos abgegeben wurde. Die Themen bewegten sich irgendwo zwischen »Bravo«, »Titanic« und »Jungle World«, und das Einzige, über das man sich ärgern könnte, war die schwankende Qualität der Texte.

Es gab aber auch echte Lichtblicke, zum Beispiel das satirische Drehbuch zur »Hessen-Verschwörung«, in dem Roland Koch, Andrea Ypsilanti und »SchäGü« alias Thorsten Schäfer-Gümbel gemeinsam in »Dagmar (Metzger’s) Pilsstube« auf die Ergebnisse der Landtagswahl warten. Und schon wegen der aufwendig inszenierten Fotos und des bis ins Detail stilvollen Layouts lohnte es sich, das Heft durchzublättern. In seinem nur neun Ausgaben währenden Leben hatte der »Darmspiegel« eine treue Fangemeinde gewonnen.

Zu Recht – denn jeder, der einmal studiert hat, weiß, dass Studentenzeitungen auch ganz anders aussehen können. Meistens liegen sie in der Mensa aus, grau, matt, auf schlechtem Papier gedruckt und von unattraktivem Volumen. Hat man sich zum Aufschlagen durchgerungen, erwartet einen schon die nächste Zumutung in Gestalt von Bleiwüsten, die sich bei näherem Hinsehen als ideologisch geprägte Ergüsse zu hochschulpolitischen Themen erweisen. Herausgeber ist häufig der AStA, der zum Beispiel an der Uni Frankfurt sogar verpflichtet ist, eine Mitgliederzeitung für die 33 000 Studenten zu produzieren.

An der Goethe-Universität gibt es keinen »Darmspiegel«, dafür ist die AStA-Zeitung besser als manche andere. Immerhin ist sie farbig, wenn auch blass, und die hinteren Seiten nimmt ein Kulturteil mit Ausstellungsrezensionen, Buchbesprechungen und Rätseln ein. Sonst ist viel Kapitalismuskritisches zu lesen, und es macht sich nicht nur durch Rechtschreibfehler bemerkbar, dass die Redaktion wohl oft unter Zeitdruck arbeitet: Einmal ist unter der Überschrift »Der Frankfurter Philosoph Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno« ein Text abgedruckt, in dem es nicht um Adorno, sondern um Studiengebühren geht, und der überdies im selben Heft 30 Seiten weiter vorne schon einmal zu finden war.

Nils Zimmermann, der im achten Semester Jura studiert, ist einer von zwei festen Redakteuren der AStA-Zeitung. Die meisten Artikel kämen von Studenten der Geistes‑ und Sozialwissenschaften, sagt er, aber auch Professoren veröffentlichten dort gerne ihre Texte. Die Themen sollten immer einen Bezug zur Uni haben, eine »Unterhaltungszeitung« wolle er jedenfalls nicht machen.

Weil sie sich genau das Gegenteil, nämlich eine Zeitung mit etwas mehr Unterhaltung und vor allem mehr Meinungsvielfalt, wünschten, gründeten ein paar Mainzer Studenten vor elf Jahren die »Stuz«. In der Mainzer AStA-Zeitung hätten damals nur »politisch einseitige Elaborate« gestanden, sagt einer der Geschäftsführer, Stefan Kraatz.

Die »Stuz« ist für Mainz so etwas, wie es der »Darmspiegel« für Darmstadt war, vielleicht sogar noch mehr. Denn sie ist inzwischen aus der Universität herausgewachsen. Das Magazin ist zugleich ein Veranstaltungskalender für das gesamte Rhein-Main-Gebiet. Dieser Teil sichere die »Sockelfinanzierung«, sagt Kraatz, der auch für die Anzeigenbeschaffung zuständig ist. Außer ihm arbeiten noch zwei andere Nicht-mehr-Studenten für die Stuz, für sie ist es ein Vollzeitjob. Die Artikel liefern etwa 50 Studenten. Sie bekommen nach Kraatz‹ Worten kein Geld, aber »Wissen als Gegenleistung«. Die Stuz verstehe sich als »Lehrredaktion« und biete Layout‑ Workshops und Schreibseminare an.

Es werde allerdings immer schwieriger, Studenten für schwierige, besonders für politische Themen zu begeistern. Kraatz hat Politikwissenschaften studiert und findet es schade, dass die Studenten sich heute nur für »Kultur, Kultur, Kultur« interessierten. Dazu komme noch, dass sie seit der Umstellung auf Bachelor und Master schlicht keine Zeit mehr für lange Recherchen hätten. Sie würden »auf Arbeiten gedrillt«, könnten nicht mehr »links und rechts gucken«. In den Redaktionssitzungen meldeten sich oft viele für ein Thema, etwa für die Debatte um ein Grundeinkommen. »Aber am Ende macht dann keiner was.«

In der letzten Ausgabe des »Darmspiegel« hat die Redaktion aufgeführt, wie viele Stunden Arbeit in den neun zurückliegenden Ausgaben steckten: 16 000 haben sie zusammengezählt. Das war am Ende aber gar nicht der Grund dafür, das Magazin einzustellen. »Wir hören auf, bevor es schlecht wird«, sagt eine Redakteurin im Abschiedsinterview. Sie hätten Angst vor der Routine gehabt, ergänzt Jan-Kristian Jessen, der in Mainz Journalismus studiert 1 und einer der 15 Studenten war, die den Kern der Redaktion bildeten. Und sie hätten es nicht geschafft, »eine nächste Generation heranzuziehen«. Vielleicht seien sie aber auch nicht offen genug gewesen, ihr Projekt aus der Hand zu geben. Man müsse »das Feuer entfachen«, damit man es durchhalte, ein Jahr lang ununterbrochen zu arbeiten und Nächte schlaflos zu verbringen, ohne dafür Geld zu bekommen.

Dass es sich gelohnt hat, merkt man, wenn man mit einem alten Exemplar des Magazins in einer Regionalbahn sitzt. Unabhängig voneinander fragen zwei junge Fahrgäste mit Hoffnung im Blick: »Gibt es den ›Darmspiegel‹ jetzt wieder?«

Anmerkung der darmspiegel-Redaktion: Damit Sie sich nichts Falsches merken, korrigieren wir Fehler in Presseberichten mit Fußnoten.
  1. er studiert selbstredend in Darmstadt Journalismus []

— Marie Katharina Wagner


  • Quelle: Rhein-Main-Zeitung der FAZ vom 1. September 2009
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