♥ Warte, bis es dunkel ist

»Nachts in Darmstadt«: Mehr als 50 Studenten haben ihrer nächtlichen Stadt ein Buchknstwerk gewidmet

DARMSTADT. Der erste Satz lautet: »Nun ja, Darmstadt«. Als Metropole mit atemberaubendem Nachtleben ist Darmstadt nicht gerade bekannt. Noch nicht. Denn die folgenden 220 Seiten des Buchs »Nachts in Darmstadt« sind geradezu ein Manifest für das bunte Leben, das sich unter der schwarzen Decke der Nacht in Darmstadt entfaltet. Jetzt ist das Werk, in 1500 handnummerierten Exemplaren, auf dem Markt – eine Menge Nachtarbeit steckt darin auf jeden Fall.

Denn die mehr als 50 Studenten, die meisten von der Hochschule Darmstadt, aber auch einige von der Technischen Universität, die daran mitarbeiteten, haben in nur vier Monaten ein höchst anspruchsvolles Projekt verwirklicht. Das Team, im Kern besteht es aus jenen Studenten, die zuvor das erfolgreiche Stadtmagazin »Darmspiegel« gegründet und betrieben haben, hatte sich vorgenommen, diesmal ein einmaliges Projekt zu verwirklichen, das nicht, wie sie es bei ihrem Magazin empfanden, in Routine abgleiten könnte. Josef Mayerhofer, der einzige Betriebswirtschaftsstudent im Team und Geschäftsführer der Darmspiegel Verlagsgesellschaft, sagt, das Buchprojekt habe enorm von der Erfahrung mit dem Magazin profitiert – vom Businessplan über die Gestaltung bis hin zum Vertrieb haben die Studenten auch jetzt alles selbst und gemeinsam, also fächerübergreifend, gemacht.

»Nachts in Darmstadt« ist ein wahres Buchkunstwerk geworden. Vom schwarzen Glanz-Cover mit dem geprägten Stadtplan über klare Farben bis hin zu Designs, die sogar die eigens gestalteten Anzeigen der Sponsoren einschließen, verbinden sich auf dem griffigen Papier in brillantem Druck Themen und Gestaltung zu einem besonderen Darmstadt-Führer.

Die Geschichte vom Schlossgespenst, das Portrait eines Narkoleptikers, die Thesen Darmstädter Traumforscher, ein mit raffinierten Stickbildern illustriertes Mond-Märchen der Grimms, die besten Plätze für erotische Abenteuer – es gibt kaum ein Thema rund um die Nacht in Darmstadt, das die studentischen Autoren, Fotografen und Zeichner ausgelassen haben. Manches haben sie auch selbst mehr oder weniger kreirt, wie Redaktionsmitglied Anke Schuhardt, Studentin des Fachs Online-Journalismus an der Hochschule, mit dem »Guerilla-Gardening«. Gibt es wirklich Studenten, die nachts vermummt mit schwerem Gerät durch die Straßen ziehen, um Begonien, Stiefmütterchen oder »Samenbomben« in verwaiste Blumenkübel und trostlose Beete zu pflanzen? Als Reportage samt Fotos liegt der Beweis nun weiß auf schwarz vor. Ein Film ist im Internet unter www.nachtsindarmstadt.de zu sehen, einer Plattform, auf der die im Buch ausgelegten Fäden weitergesponnen werden sollen – schließlich sind hauptsächlich Online-Journalisten am Werk. Die dürfen das Buch als Semesterprojekt in ihr Studium einbringen.

Mayerhofer und Andreas Strack, der Kommunikationsdesign studiert und als Art Director mit seiner Freundin Rimma Khasanshina das gesamte Designkonzept entworfen hat, bekommen zwar keine Scheine, schätzen aber die Erfahrung, auch für ihre berufliche Zukunft. Dank der Unterstützung der Hochschule und zahlreicher Sponsoren steht das 10 000-Euro-Projekt auf finanziell sicheren Füßen, verkalkuliert haben sich die Studenten offenbar nicht. Und sie haben schon viele Ideen für weitere interdisziplinäre Projekte. Jetzt steht für die meisten Studenten ein Praxissemester an – als praxistauglich haben sie sich mit »Nachts in Darmstadt« allerdings schon erwiesen.

Am 30. Juli findet im Jazzinstitut Darmstadt eine nächtliche Lesung aus dem Buch statt, Beginn ist um 19:30 Uhr. Informationen zum Buch im Internet unter www.nachtsindarmstadt.de

— Eva-Maria Magel


  • Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Juli 2009
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