»Wir sind am Anfang unterschätzt worden«
ECHO: Rebecca und Florian, Ihr seid die Chefredakteure vom »Darmspiegel«. Was um Himmels willen habt Ihr Euch bei diesem Namen gedacht?
Rebecca: Es ist nichts Anzügliches daran. Die Stadt heißt so, es gibt ein Darmstadtium und einen Darmbach. Das ist einfach ein Element der Stadt. Wir fanden, dass der Name prägnant ist und dass man ihn sich merkt. Das macht einen guten Namen aus.
ECHO: Was soll denn der Darmspiegel widerspiegeln?
Florian: Das studentische Leben in der Stadt Darmstadt. Themen, die die Studenten interessieren. Bisher gab es ja kein Magazin für die 30 000 Studenten an Technischer Universität, Hochschule Darmstadt und Evangelischer Fachhochschule. Das Ganze wollen wir mit politischen Aspekten mischen, nicht nur unterhalten, auch aufrütteln und aufklären.
ECHO: Was macht studentisches Leben aus?
Rebecca: In der nächsten Ausgabe nehmen wir uns zum Beispiel die Studiengebühren vor. Es soll kein Ratgeberjournalismus sein, aber wir wollen schon den Studenten einen gewissen Service bieten und die Leute aufklären: So steht es jetzt gerade mit der Verfassungsklage; das passiert, wenn die Gebühren abgeschafft werden.
Florian: Wir wollen aber auch unterhalten und den Studenten zeigen, wo man was machen kann in Darmstadt. Wir haben jetzt zum Beispiel eine Serie, in der wir die Wohnheime vorstellen, und wenn wir die durch haben, auch andere Sachen.
ECHO: Was denn so?
Florian: Clubs, Bars, Bibliotheken.
Rebecca: Was eben abzuchecken ist.
Florian: Als ich hierher kam im Oktober 2007 hatte ich keinen Plan, was hier geht. Durch die Arbeit am Darmspiegel hab’ ich gemerkt, dass hier einiges los ist. Man kann weggehen, es gibt viele Freizeitmöglichkeiten, aber vieles lernt man gar nicht kennen, wenn man sich damit nicht auseinandersetzt.
ECHO: Das klingt, als gebe es Themen en masse. Der Aufruf auf Eurer Homepage, dass die Leute Euch Themenvorschläge schicken sollen, bedeutet also nicht, dass Euch selbst nichts einfällt?
Rebecca: Nein. Ursprünglich wollten wir das Magazin 40 Seiten stark machen, weil wir einfach so viele Themen hatten und auch noch in petto haben. Aber das hat einfach den Rahmen gesprengt. Wir fordern aber unsere Leser auf, sich einzubringen. Und die Studenten aller Darmstädter Hochschulen sind aufgerufen, uns Texte zu schicken und mitzuarbeiten.
Florian: Wir haben keine Ahnung, was die Maschinenbauer so machen, wenn wir da keine Leute haben, die uns sagen, was dort los ist.
ECHO: Ihr habt in Eurem ersten Semester begonnen, den „Darmspiegel“ zu entwickeln. Hat man da nichts anderes zu tun?
Florian: Es hat halt was gefehlt im ersten Semester. Wenn wir ein Projekt gehabt hätten, wäre die Idee vielleicht nicht so schnell aufgekommen. Aber im ersten Semester gab es nichts Praxisorientiertes. Wir wollten aber redaktionell arbeiten.
Rebecca: Wir sind am Anfang unterschätzt worden: Ach ja, die Ersties machen ein Magazin, hieß es. Und wir haben uns auch selber gefragt: Können wir als Ersties den Leuten etwas erzählen? Aber man hat nie bei jedem Artikel jemanden, der sich da hundertprozentig auskennt, das ist in jeder Redaktion so. Das muss man eben durch redaktionelle Arbeit ausgleichen können. Ich denke, das schaffen wir ganz gut.
ECHO: Wie sind die Reaktion der Leser bisher?
Florian: Sehr positiv. Auf den Namen gibt’s manchmal negative Reaktionen von diesen Moralaposteln, die den Finger hochheben und das Heft dann extra nicht lesen.
Rebecca: Es kommt oft vor, dass Leute auf mich zukommen und sagen: Super, was Ihr da macht, das gab’s ja bisher nicht. Und was wirklich gelobt worden ist, ist das Layout, das zwei Kommunikationsdesigner der HDA machen.
Florian: Viele haben gesagt, das hat gefehlt in der Stadt. Die ganzen Uni-Städte haben Studentenmagazine, nur Darmstadt bisher nicht, obwohl es eine große Uni ist.
ECHO: Bisher gibt es den „Darmspiegel“ nur als PDF zum Herunterladen auf Eurer Website. Ist eine Printversion geplant?
Rebecca: Ja, das ist ganz fest geplant, in den Print zu gehen. Wir sind auch schon auf Werbeakquise.
ECHO: Warum wollt Ihr denn eigentlich ein Print-Magazin? Ihr seid doch Online-Journalisten!
Florian: Ja, da wird unser Prof auch ganz böse.
Rebecca: Nicht böse, aber er ist auch verwundert gewesen am Anfang, warum wir das machen. Aber als PDF-Magazin kann man nicht alle Studenten erreichen. Die Barriere, so etwas herunterzuladen, ist sehr groß. Online wiederum ist schwer aktuell zu halten. Man muss die Leute jeden Tag auf die Seite bekommen, und das geht für uns nicht. Wir arbeiten lieber auf die Deadline hin. Außerdem ist eben gerade das Layout so gelobt worden. Man hat einfach diese gestalterischen Möglichkeiten im Print.
Florian: Und man hat etwas in der Hand. Das ist auch einfach ein schönes Gefühl.
ECHO: Habt Ihr trotzdem vor, die Möglichkeiten von Online zu nutzen? Es gibt ja auch einen Redaktionsblog auf Eurer Seite.
Rebecca: Wir haben bisher die Kapazitäten nicht, deshalb ist das schwierig. Aber wir haben schon vor, wenn wir dann im Print sind, parallel die Website für die Leser zu nutzen. Es gibt ja unendlich viele Möglichkeiten: Podcasts und Videopodcasts, auch dass die Leser selbst Artikel verfassen können.
Florian: Letztendlich kann man durch Print auch mehr Aktivität im Online-Bereich erreichen und die Studenten bewegen, auch selber aktiv zu werden.
ECHO: Auch die traditionellen Tageszeitungen greifen ja Hochschulpolitik auf, und es gibt seit Kurzem ein Stadtmagazin für Darmstadt, das „P“. Wie geht Ihr mit der Konkurrenz um?
Florian: Wir haben schon mit den Leuten vom P geredet und wollen schauen, wo sich unsere Kompetenzen ergänzen. Das P macht viel mit Veranstaltungen und hat den Partykalender von partyamt.de, das bringen wir halt nicht. Da wäre die Konkurrenz zu groß.
Rebecca: Wir haben Hintergrundberichte. Sachen, die vielleicht im Party‑ und Szene-Umfeld untergehen würden. Wir sind ein Studentenmagazin mit kritischen Themen und mit Stadtbezug, aber kein Stadtmagazin.
ECHO: Studentenprojekte haben ja oft das Problem, dass viele Mitarbeiter nur vorübergehend dabei sind und dann wieder wegziehen oder im Klausurenstress sind. Wie langfristig ist das Projekt Darmspiegel angelegt?
Rebecca: Das soll jetzt nicht nur für zwei Jahre da sein und dann wieder weg vom Fenster. Sollte das von unserer Seite aus irgendwann auslaufen, hoffen wir, dass das Leute weitertragen werden.
Florian: Wir wollen, dass es sich hier etabliert und die Studenten auf Dauer etwas davon haben.
Wo und wann?
Die nächste Ausgabe des „Darmspiegel“ soll am 1. Mai erscheinen. Das aktuelle Heft ist im Internet als PDF erhältlich unter www.darmspiegel.de
Projekt Darmspiegel
Die Idee zu dem neuen Studentenmagazin hatten im Wintersemester 2007⁄08 einige Studenten des Studiengangs Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt (HDA). Sie waren damals im ersten Semester und enwickelten das Magazin, das sie am 1. April als PDF ins Internet stellten. Eine Printausgabe ist in Planung.
Zum festen Mitarbeiterstamm gehören rund 20 Studierende: Fotografen, Illustratoren, Schreiberlinge. Laut der „Darmspiegel“-Chefredaktion melden sich auch immer mehr freie Mitarbeiter. Inzwischen machen Studenten anderer Fachbereiche der HDA und der Technischen Hochschule mit.
Die Redaktion legt Wert darauf, dass sie unabhängig ist von der Hochschule, von Parteien und anderen Gruppierungen.
— Nina Voigt
- Quelle: Darmstädter Echo vom 17. Mai 2008
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