♥ Zum Abschied fließen Tränen

Studentenmagazin: Der »Darmspiegel« ist nach einem Jahr zum letzten Mal erschienen – Generationswechsel nicht gelungen – Redakteure wollen nun ein neues Projekt starten

Es sollte ein Projekt auf Dauer sein. Das Darmstädter Studentenmagazin »Darmspiegel«. Doch nach nur einem Jahr ist mit der Geburtstagsausgabe gleichzeitig das letzte Heft erschienen. Größtenteils angehende Online-Journalisten der Hochschule Darmstadt hatten die Zeitschrift in ihrem ersten Semester gegründet. Jetzt, so sagen sie, hat sie die Routine eingeholt. Sie wollten das noch junge Magazin einstellen, bevor es den eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht geworden wäre.

Für Liebhaber der Zeitschrift mit dem unkonventionellen Blick auf Darmstadt und seine Studenten ist dieser Schritt nur schwer nachvollziehbar. Im April 2008 war die erste Ausgabe des »Darmspiegels« im Internet erschienen, die letzten fünf gab es sogar gedruckt mit einer Auflage von 8000 Stück. Sie wurden kostenlos verteilt.

Die Studenten überraschten darin immer wieder mit ungewöhnlichen Fotostrecken und einer ausgefallenen Gestaltung. Als es um die Gefahrenabwehrverordnung der Stadt ging, die Punks und Junkies vom Luisenplatz fernhalten sollte, war das Motto des »Darmspiegels«: »Darmstadt macht sauber«. In aller Frühe hatten sich die Fotomodelle aus dem Bett gequält und bei Sonnenaufgang in Putzmontur den Langen Ludwig geschrubbt.

Inhaltlich überzeugte der »Darmspiegel« mit einem niveauvollen Mix aus Unterhaltung, Politik und Kultur. Auf ein Interview mit dem Rapper »Kool Savas« im Juli folgte ein Gespräch mit »Kettcar«-Gitarrist Erik Langer und im Oktober stand Kultautor Wladimir Kaminer Rede und Antwort. Schlüpfrigen Geschichten über Schönheitsoperationen im Intimbereich und Materialprüfer, die die Stabilität von Kondomen testen, wechselten sich ab mit hochschulpolitischen Themen über Ausbildungsförderung, Qualitätsunterschiede beim Abitur und Bildungsforschung. Nichts deutet auf sinkende Qualität, Langeweile oder gar werbliche Texte hin, trotzdem hat die »Darmspiegel«-Redaktion einen Schlusspunkt gesetzt.

Die jungen Kreativen sind letztlich doch an der Schnelllebigkeit des Studentenlebens gescheitert. Weil die Gründer des »Darmspiege«-Verlags im kommenden Semester ein Praktikum machen und sich danach auf ihren Abschluss vorbereiten, stand ein Generationswechsel an. Er ist trotz eines Teams aus mehr als 50 Mitarbeitern nicht gelungen. »Vielleicht konnten wir unser Baby nicht aus der Hand geben«, sagt Redakteurin Johanna Emge selbstkritisch. Obwohl die Redakteure und Gesellschafter immer offen für neue Schreiber waren, bildete sich ein fester Kreis, in den sich nicht jeder integrieren mochte.

Auch wenn sich Pressesprecher Jan-Kristian Jessen und Redakteur Tobias Reitz eine Zukunft für den »Darmspiegel« wünschen, haben sie auch Verständnis dafür, wenn jüngere Semester lieber ein eigenes Projekt auf die Beine stellen wollen. Die Konzeptionsphase, das Erfinden eines neuen Produkts ist nämlich das, was auch den bisherigen Machern des »Darmspiegels« am besten gefällt. Schon die Internet-Version hatten ihnen viele Professoren und Kommilitonen nicht zugetraut, mit dem ersten gedruckten Heft hatten sie ihr Traumziel erreicht. »Wir müssen uns immer ein bisschen überfordern«, sagt Reitz. Das Gefühl, über sich hinaus zu wachsen, konnte der »Darmspiegel« ihnen zum Schluss nicht mehr geben. »Unser Studium ist zu kurz, um nur ein Projekt zu machen«, stellt Reitz klar.

Das Ende des Magazins bedeutet deshalb nicht das Ende des Verlags und der Zusammenarbeit. Das letzte Heft war noch nicht fertig gedruckt, da tüftelten die Studenten schon an einer neuen Idee, einem Buchprojekt. »Noch stehen wir nicht im Berufsleben und können unserer Kreativität freien Lauf lassen«, begründet Reitz den Schritt.

Ihr Magazin einzustellen ist dem jungen Team trotzdem schwergefallen. »Da sind auch Tränen geflossen«, gibt Johanna Emge zu. In Zukunft wird die Treppe des Darmstadtiums nicht mehr von Studenten bevölkert sein, die am Erscheinungstag in der druckfrischen Ausgabe blättern. Jan-Kristin Jessen 1 wird dieser Anblick trotz Aufbruchsstimmung fehlen. Am 4. Mai wäre der neue »Darmspiegel« erschienen.

Anmerkung der darmspiegel-Redaktion: Damit Sie sich nichts Falsches merken, korrigieren wir Fehler in Presseberichten mit Fußnoten.
  1. Jan-Kristian Jessen []

— Helen Knust


  • Quelle: Darmstädter Echo vom 15. April 2009
  • Diesen Artikel online nachlesen (Artikel evtl. nicht mehr verfügbar)

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