musik

Durch Punkrock politisiert

am Dienstag, 1. April 2008

»Sag alles ab!« Wer würde dieser Aufforderung nicht gerne einmal nachkommen? Arne Zank sagte alles ab. Genau wie Dirk von Lowtzow und Jan Müller brach er sein Studium in den frühen 90er Jahren ab, um als Schlagzeuger mit seiner Band Tocotronic durchzustarten. Denn anders als in ihrem Song machte die Karriere der Hamburger keine Pause: Über zehn Jahre später steht mit »Kapitulation« bereits das achte Album der Band in den Plattenregalen und wird in sämtlichen Feuilletons gefeiert. Am 20. April spielen Tocotronic in der Centralstation in Darmstadt. Wir sprachen mit Arne Zank über seinen Studienabbruch, die »grauslichen« Studiengebühren, das »beschissene« Rauchverbot, den ominösen Linksruck in Deutschland und das Geheimnis, warum die »Tocos« auf Tour ihre Songs immer in derselben Reihenfolge spielen.

Philipp Roberto Granzin / philippgranzin.de

Philipp Roberto Granzin / philippgranzin.de

Hallo Arne, du hast in Hamburg Illustration studiert. Nach einigen Semestern hast du das Studium abgebrochen, um dich ganz der Musik zu widmen. Wie lange ist diese Entscheidung gereift?

Irgendwann merkte ich, dass ich gar nicht mehr richtig studiere. Die Musik verschlang viel Zeit und ich konnte das Studium nicht mehr ernsthaft betreiben.

Als ich merkte, das bringe ich sowieso nicht zu Ende, habe ich schließlich die Studiengebühren nicht mehr gezahlt und wurde praktischerweise von selbst exmatrikuliert. Im Gegensatz zu Jan und Dirk, die Jura studierten, war mein Studium auch eines, in dem man brotlose Kunst lernte. Es war schon damals fraglich, ob einem die Studieninhalte später im Berufsleben etwas bringen.

Von wem in der Gruppe ging die Entscheidung aus, das Studium abzubrechen?

Es gab keinen Chef, der das bestimmte. Man nahm einfach wahr, dass die Konzerte immer voller wurden und mehr Platten verkauft wurden, als man gedacht hätte. Das ergab sich dann eben so. Jan und Dirk haben ihr Studium auch schleifen lassen.

Tocotronic waren bereits an mehreren Solidaritätsaktionen für alternative und antifaschistische Organisationen beteiligt. Warst du auch als Student schon politisch engagiert?

Ja, aber das fing schon früher an. Ich war zwischen 14 und 16 und lernte Jan kennen. Wir fingen an, uns für Punk-Musik zu interessieren. Darüber wurden wir politisiert – eben auch so punkmäßig linksradikal. In dieser Zeit gingen wir auf sehr viele Demos und beschäftigten uns intensiv mit Politik. Als wir dann in unseren frühen 20ern mit Tocotronic anfingen, hatten wir bereits ein sehr differenziertes Bild und ein skeptisches, zweifelndes, ambivalentes Verhältnis zur linksradikalen Szene. Auf der ersten Platte »Digital ist besser« ist das auffällig. Man merkt, dass wir uns damals zwischen allen Stühlen befanden und uns keiner richtigen Szene zugehörig fühlten.

Glaubst du die Studenten sind heute wieder politischer oder revolutionärer als noch vor 15 Jahren, als du studiert hast?

Arne Ich glaube die Politisierung der Studenten ist eng verbunden mit der Politisierung der Gesellschaft. Die Hochzeit der Studentenbewegung, das was man 68 nennt, war ein extremer Spezialfall in Deutschland und ganz Mitteleuropa. Es ist sonderbar, dass sich alle Studenten daran messen sollen.

Ob es von meiner Zeit zu heute eine Veränderung gab, kann ich schlecht sagen. Durch Existenzängste sind die Menschen wesentlich karrieristischer, als wir das Anfang der 90er waren. Sie wollen ihr Studium schnell durchziehen und befürworten sogar, dass sie von oben durch Studiengebühren unter Druck gesetzt werden. Das finde ich unverständlich.

Allgemein glaube ich, ist die politische Landschaft unübersichtlicher und komplexer geworden. Links-Rechts-Schemata funktionieren nicht mehr richtig.

Steilvorlage für unsere nächste Frage: Überall in Deutschland gibt es Diskussionen um den ominösen Linksruck. Siehst du den auch, oder bist du skeptisch?

Nein, einen Linksruck sehe ich überhaupt nicht. Das halte ich für totalen Quatsch. Was soll das für ein Linksruck sein? Nur weil endlich mal gestreikt wird und das auch noch ein paar Leute gut finden? In den europäischen Nachbarländern ist das wesentlich ausgeprägter als in Deutschland. Vielleicht ist es einfach eine Normalisierung, eine Angleichung an europäische Verhältnisse.

In den Zeitungen wird der Linksruck als etwas Gefährliches dargestellt. Ich hätte keinerlei Angst vor einem Linksruck, ich kann nur leider keinen erkennen. In meiner Heimatstadt Hamburg öffnen sich gerade die Grünen der CDU. Da hätte man sich einen Linksruck gewünscht.

Kommen wir zu eurer Musik. Die Texte von Tocotronic bedienen sich sehr bewusst der deutschen Sprache und sind auffallend verdichtet. Beschäftigt ihr euch privat sehr intensiv mit Lyrik oder Literatur?

Wir schmökern alle sehr gerne. Ich persönlich kann mit Lyrik nicht ganz so viel anfangen. Für Dirk möchte ich da ungern sprechen, aber ich glaube schon, dass er sich intensiv mit Poesie und Lyrik auseinandersetzt.

Allerdings weniger auf Deutsch, eher auf Englisch.

Kannst du dich noch an deinen Deutschunterricht erinnern? Wie war es damals für dich, Gedichte interpretieren zu müssen?

Ich habe immer gerne gelesen, aber das Geschwätz darüber hat mich gestört. Viel von der Literatur wird einem durch die Schule verdorben.

Wäre es vielleicht besser, die Schüler Tocotronic-Texte besprechen zu lassen?

Wenn das ein guter Lehrer macht gerne, aber ich bin da skeptisch. Wie gesagt, es kann einem in der Schule viel Spaß genommen werden. Und ich möchte nicht, dass unsere schöne Band und unsere schönen Lieder den Schülern durch Deutschunterricht verdorben werden. Das ist eine schreckliche Vorstellung.

Wie ist das bei euch? Diskutiert ihr über eure Texte? Redet ihr über die Lieder, die Dirk schreibt oder interpretiert sie sogar?

Wir sind, das kann man glaube ich sagen, gegen das Interpretieren. In Interviews müssen aber alle drei hinter den Texten stehen und die Haltung darin vertreten. Deshalb reden wir darüber nicht im Sinne des Interpretierens. Wir fragen uns nicht, was soll das eigentlich bedeuten. Wir sprechen lediglich darüber was uns gefällt und was nicht.

Am 20. April spielt ihr in der Centralstation in Darmstadt. In der Tour soll sich die Reihenfolge, in der ihr eure Songs spielt, kaum verändern. Wiederholung als Prinzip? Wollt ihr die Perfektion auf die Spitze treiben?

Um Perfektion geht es nicht – eher um das Meditative. Man muss sich keine Gedanken machen, was man jetzt spielt und durch diese Routine gerät man in einen Rauschzustand. Wir legen uns gerne fest und spielen das einfach runter. So hat man den Kopf frei und kann viel mehr auf die spezielle Stimmung an dem Abend achten. Man merkt, wo die Unterschiede sind – von Stadt zu Stadt, von Gegend zu Gegend.

Sind diese Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen, zwischen großen und kleinen Städten tatsächlich spürbar?

Das merkt man schon. Man versucht ja im Anschluss bei der Manöverkritik abzugleichen, wie sich jeder gefühlt hat auf der Bühne. Während des Konzertes kann man das sehr schwer machen und deshalb muss man sich hinterher ganz genau darüber unterhalten.

Zu eurem neuen Album habt ihr unzählige Interviews gegeben. »Kapitulation« wurde in sämtlichen großen Publikationen gefeiert. Was bekommt man für ein Verhältnis zu seinem eigenen Werk, wenn man andauernd darüber sprechen muss?

Es entrückt. Man bekommt ein distanziertes Verhältnis. Irgendwann schleift sich alles ein und man spult die Antworten ab, die man ausformuliert hat.

Spannend ist die erste Zeit, in der man Interviews gibt. Man erschafft das Album isoliert als Band und wenn man die ersten Schritte in die Öffentlichkeit damit geht, ist es hochinteressant zu sehen, was mit dem Material passiert und wie es ankommt. Welche Themen, welche Fragen wiederholen sich? Man lernt auch selbst etwas über die eigenen Lieder. Welche Deutung ist wohl am offensichtlichsten, was wird am wichtigsten genommen, welche Missverständnisse und Verständnisse gibt es?

Was war das größte Missverständnis, das es bei »Kapitulation« gab?

Was oft ganz schnell kam, war die Frage »Löst ihr euch jetzt auf?« Aber das konnte man meist sehr schnell aus dem Weg räumen. Ansonsten haben wir die Texte wohl ganz gut auf den Punkt formuliert, es gab keine größeren Missverständnisse.

Wenn ihr euch nicht auflöst: seit 15 Jahren gibt es Tocotronic jetzt bereits. Wie viele Jahre sollen noch folgen?

Keine Ahnung. Keine Pläne. No Future. Wir wollen uns alle vier damit wohl fühlen und dadurch, dass wir vier völlig neurotische an der Grenze des Geisteswahn lebende Menschen sind, ist es absolut unberechenbar.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, Arne.

Arne Zank über…

… das Rauchverbot.

Beschissen. Mein Lebensmotto lautet Leagalize it! Ich finde das Rauchverbot scheußlich. In Hamburg darf man nirgendwo mehr rauchen, doch in manchen Kneipen und Clubs wird das locker gehandhabt. Das hängt vom Wirt ab, ob er selbst am Nikotin hängt oder nicht.

… die Studiengebühren.

Grauslich. Ich hätte nicht studieren können wenn ich kein Bafög bekommen hätte. Es gab ja schon immer – auch zu meinen Studentenzeiten – Studiengebühren und die waren nach meinem Ermessen auch gar nicht so niedrig. Ich fand es erschreckend, wie wenig Leute aus den Verhältnissen kommen, aus denen ich komme. Studenten deren Eltern nicht studiert haben, kein Abitur, noch nicht einmal Realschule gemacht haben, sind die Ausnahme. Die meisten kommen aus Akademiker-Familien. Es gibt kaum Aufstiegschancen

und wenig Bewegung durch die gesellschaftlichen Schichten. Durch die Studiengebühren wird das weiter erschwert. Diese Probleme sieht jeder, aber keiner macht etwas.

… die Hessenwahl.

Die Hessenwahl habe ich verfolgt. So ein Wahlsonntag ist ja auch immer etwas Spannendes. Ich habe mich mit ein paar Freunden getroffen, um das gemeinsam im Fernsehen zu gucken. Ich finde, was Andrea Ypsilanti gemacht hat, die Inkonsequenz, die ihr vorgeworfen wird, nicht so schlimm. Schlimm ist, dass der scheußliche Koch jetzt noch immer da sitzt. Man hatte die Hoffnung, ihn bald nicht mehr sehen zu müssen.

Hintergrundinformationen

Die Band

Tocotronic ist das Flaggschiff des deutschen Indie-Rock. Im Jahr 1993 wurde die Band von Gitarrist und Sänger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank gegründet. Seit 2004 ist Gitarrist Rick McPhail festes Mitglied der Gruppe. Die Musik von Tocotronic war zunächst stark vom Punk beeinflusst, die Texte plakativ und sloganhaft. Mit den Jahren wurde ihre Musik klarer, die Texte introvertierter und metaphernreicher. Die Themen blieben dieselben: Jugendkultur, Politik, Liebe.

Das Album

„Kapitulation“ ist das achte Album der Hamburger. Es klingt wieder rockiger als das Vorgängeralbum „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Doch auch träumerische Melodien, die man bei den letzten Alben lieb gewonnen hat, hört man. Die Texte sind gewohnt lyrisch, voll von Sprachgewandtheiten und von erstaunlicher Dichte. Wenn Dirk von Lowtzow mit seiner Erzählerstimme die zwölf Songs vorträgt, könnte man meinen, es handele sich um vertonte Gedichte. „Kapitulation“ bekam in allen großen Zeitungen herausragende Kritiken und wurde von vielen Musikmagazinen zu den besten Alben des Jahres 2007 gezählt.